Dr. Jonas Tusch und Professor Dr. Carsten Münker klopfen gerne Steine. Aber nicht irgendwelche, sondern solche, die sich vor drei bis vier Milliarden Jahren zur Urzeit unseres Planeten bildeten – während des sogenannten Archaikums. Denn die steinernen Zeitzeugen sind die einzigen, die den Kölner Wissenschaftlern vom Institut für Geologie und Mineralogie verraten können, was bisher noch vielfach im Dunkel liegt: Welche einzigartige Kombination von Prozessen formte die frühe Erde zum – soweit bekannt – einzigen bewohnten Planeten im unendlichen Universum?
Oben und unten, vom inneren Erdkern bis zur Atmosphäre – alles beeinflusst einander. Nur durch das komplexe Zusammenspiel wurde unsere Erde zu dem, was sie ist. Wie die junge Erde aussah und wie sie sich entwickelte, ist eine Frage, der sich Wissenschaftler:innen weltweit mit großem Elan annehmen. Der 55-jährige Münker ist Sprecher des DFG-Schwerpunktprogramms »Building a Habitable Earth«, über das die Deutsche Forschungsgemeinschaft Projekte zur Entschlüsselung des Rätsels finanziert. Er initiiert, fördert und koordiniert in dieser Rolle nicht bloß den Erkenntnisdrang. Münker und Tusch liefern selbst wesentliche Beiträge für die aufwendige Spurensuche.
Weg frei für die Hitze
Ihre jüngste Entdeckung, unlängst veröffentlicht im angesehenen Fachjournal PNAS, liefert erstmals eine in der Fachwelt viel beachtete Erklärung für einen bis dato ungelösten Widerspruch: Obwohl die junge Erde in ihrem Kern vor vier Milliarden Jahren Hunderte Grad Celsius heißer war als heute, mischten sich, so Münker, Mineralien und Gestein im 3.000 Kilometer tief reichenden Erdmantel über 100 Millionen Jahre hinweg »erstaunlich langsam«. Dessen Zusammensetzung blieb daher lange ziemlich heterogen.
Zu erwarten war der gegenläufige Prozess. Denn die enorme Hitze im Erdinneren drängt nach den Gesetzen der Physik zur kühleren Oberfläche und hätte bei ihrem Aufstieg den Mischer eigentlich viel schneller in Gang setzen müssen. Doch richtig Fahrt nahm der Mantelkonvektion genannte Vorgang erst vor rund drei Milliarden Jahren auf. Münker und Tusch haben eine Erklärung für den Spätstart gefunden. Lange war die Erde von einer weitgehend geschlossenen und starren Erdkruste umhüllt. Sie hielt die Hitze gewissermaßen unter dem Deckel. Erst als auf dem blauen Planeten die Plattentektonik Schwung aufnahm, sich also immer mehr Kontinente über und unter den Ozeanen bildeten, riss die Decke auf und machte den Weg frei für die Hitze. Als Folge legte die Konvektion rapide an Tempo zu, bis der Erdmantel schließlich vollständig homogen durchmischt war.