»Ich gehe nicht davon aus, dass eine solche Studie in den nächsten fünf bis zehn Jahren nochmal entstehen wird«, schildert Andree sein Erlebnis, über das er aus rechtlichen Gründen keine weiteren Details verliert. Von Journalist*innen, die zu digitaler Machtakkumulation recherchieren, hörte er aber ähnliche Erfahrungsberichte.
Andree will das Thema in die Öffentlichkeit tragen und veröffentlichte vor wenigen Wochen die politische Interpretation dieser Messungen in seinem neuen Buch »Big Tech muss weg«.Ein ganzes Kapitel dokumentiert ausführlich, dass Digitalkonzerne Wissenschaftler*innen und Redaktionen manipulieren, einschüchtern und erpressen, also zumindest in der westlichen Welt bereits »aktiv gegen Medien- und Wissenschaftsfreiheit « vorgehen. Martin Andree will im aktuellen Buch für die Gefahr sensibilisieren, auf die wir uns zubewegen: »Nur wenn die Öffentlichkeit versteht, was hier passiert, können wir als demokratische Gesellschaft dagegen vorgehen.« Die Autoren-Honorare des neuen Buchs stiftet er der »Stiftung Studium und Lehre« der Universität zu Köln.
Digitaler Feudalismus
Wer die Vormachtstellung von Alphabet, Meta & Co. einmal zu Ende denkt, versteht, warum sie Andree so ein Anliegen ist. Seit einigen Jahren fließen mehr Werbeausgaben in digitale als in analoge Medien. Ab 2029 werden in Deutschland mehr als 75% der Werbeausgaben auf digitale Medien entfallen. Spätestens dann werden laut Andree klassische, redaktionelle Medien für Gegenwehr zu schwach sein: US-Plattformen würden bald kontrollieren, wen welche Informationen erreichen, die politische Meinungsbildung steuern und Inhalte gezielt verstecken oder hervorheben.
Das ist keine Science-Fiction-Dystopie: Schon heute tut Big Tech alles, um möglichst den gesamten Datenverkehr in seine Plattform-Silos umzulenken und dort zu behalten. Intransparente Algorithmen spielen personalisierte Weltbilder an Plattform-User aus, befeuern digitale Filterblasen und Echokammern. Im Ergebnis spalten sich Gesellschaften in Lager auf und »gefühlte Wahrheiten« tauchen gleichwertig neben seriösen Informationsquellen auf. Journalist*innen müssen auf Instagram, TikTok & Co. den Plattform-Regeln gehorchen, etwa Berichterstattung über sensible Themen wie Sexualität anpassen – und mitansehen, wie Big Tech immer weniger Interesse daran aufbringt, journalistische Inhalte zu präsentieren. Nicht zuletzt macht der reichste Mann der Welt, Elon Musk, eine dieser Plattformen zu seinem privaten Sprachrohr.
Eine weitere Verschärfung der Lage bedeute, so Andree, den Übergang von einer liberalen Mediendemokratie hin zum monopolistischen Digitalfeudalismus. Wie konnte es so weit kommen? Andree meint, wir hätten uns statt auf das Hauptproblem – Big Tech dringt immer weiter in unsere gesellschaftlichen Systeme vor – bisher zu sehr auf dessen Nebenwirkungen konzentriert: Desinformation, Hassrede, Datenschutz und Überwachungsgefahren.
Währenddessen ist den Digitalkonzernen unbemerkt ihr größter Coup gelungen: Sie, deren Produkte heute die Funktion von Zeitung und Fernsehen übernehmen, haben Gesetzgeber davon überzeugt, sie seien keine Medien, sondern lediglich Intermediäre – also Infrastruktur, wie etwa ein Telefonnetz, ohne Verantwortung für die Inhalte, die andere über sie verbreiten. Bloß machen die Plattformen, anders als die Telefonnetzbetreiber, diese Inhalte zu Geld.
Unumgängliche Gatekeeper
Nach außen pflegen die mächtigsten Big Tech-Unternehmer noch immer das Image des lässigen, T-Shirt tragenden Digitalmanagers, der mit visionären Vorstellungen aneckt. Nicht umsonst war Facebooks Firmenmotto bis 2014: »Move fast and break things«. Und im politischen Rampenlicht geben sich die Konzerne gern kooperativ, wie zuletzt etwa OpenAI-Gründer Sam Altman vor dem US-Kongress. Für Andree sind das Ablenkungsmanöver. Seiner Ansicht nach rennt die Gesetzgebung hinterher. Wenn die Industrie der digital überforderten Legislative »Reguliert uns!« zuruft, sei das, als fordere man einen Lahmen auf: »Fang mich doch!«