Das kann auch Dr. Claudia Wegener bestätigen, die ebenfalls am Institut für Linguistik forscht: »Im Alltag ist es oftmals schwierig, Mehrsprachigkeit in der Familie zu leben. Es ist herausfordernd und braucht einiges an Selbstdisziplin.« Wegener forscht unter anderem zu Savosavo. Die Sprache zählt nicht zu den austronesischen Sprachen, sondern ist eine Papuasprache, die auf der kleinen Salomonen-Insel Savo verbreitet ist. Auf der Insel, die im Durchmesser nur sechs Kilometer groß ist, leben etwa 3.500 Einwohner*innen, von denen noch viele Savosavo sprechen. Savosavo gilt allerdings als für Nicht-Muttersprachler sehr schwer zu erlernende Sprache. Immer häufiger verwenden die Bewohner*innen daher im Alltag Solomon Islands Pijin, eine auf Englisch basierende Kreol-Sprache, die von den meisten Einwohnern der Salomonen gesprochen wird, oder benachbarte austronesische Sprachen, die als leichter erlernbar gelten.
Minderheitensprachen wie Totoli und Savosavo sind besonders häufig vom Aussterben bedroht. Derzeit gibt es auf der Welt insgesamt etwa 7.000 Sprachen, von denen laut der Gesellschaft für bedrohte Sprachen e.V. ein Drittel in den nächsten Jahrzehnten aussterben wird. Die Wissenschaftler*innen vom Institut für Linguistik wollen durch ihre Forschung dazu beitragen, dass kleine Sprachgemeinschaften ihre Sprachen erhalten können. Dabei ist der Erhalt bedrohter Sprachen kein Selbstzweck. Beim Verschwinden einer Sprache gehen nicht nur die Worte verloren, sondern der gesamte kulturelle und historische »Speicher« der Sprachgemeinschaft. Denn jede Sprache beinhaltet eine eigene Art zu denken und die Welt zu verstehen. Und nicht nur entlegene Orte wie Sulawesi oder die Salomonen-Inseln sind betroffen. Auch in Europa sind viele Sprachen bedroht, darunter Bretonisch, Sorbisch oder Irisch.
Vertrauen schaffen
Auf den Salomonen-Inseln gibt es siebzig austronesische, aber nur vier Papuasprachen, darunter Savosavo. Diese Vielfalt ist das Ergebnis von verschiedenen Bevölkerungswanderungen über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden. Vor etwa 18.000 bis 25.000 Jahren waren als erstes die Papuasprecher in die Region gelangt, vor 4.000 bis 5.000 Jahren sind dann aus zwei Richtungen – vom Südosten und Nordwesten her – Austronesisch sprechende Seefahrer auf die Salomonen gekommen. Im Ergebnis sind nur noch vier Papuasprachen übriggeblieben, die zudem sehr unterschiedlich sind.
Darin liegt eine besondere Herausforderung für Claudia Wegener, denn Sprachforscher*innen gewinnen oft neue Erkenntnisse, indem sie verschiedene, häufig räumlich beieinander liegende Sprachen miteinander vergleichen. Die vier Papuasprachen haben aber, anders als austronesische Sprachen, so wenig Gemeinsamkeiten, dass man nicht von einer Sprache auf die andere schließen kann. »Ich habe keine nah verwandte Sprache, wo ich mir Material ansehen könnte, um gezieltere Hypothesen für die Sprache Savosavo abzuleiten. Ich muss ganz am Anfang beginnen: das Lautsystem erfassen, die Wortstruktur ermitteln und dann herausfinden, was die einzelnen bedeutungstragenden Einheiten sind«, erklärt die Linguistin.