Die Vorstellungen davon, was Zukunft heißt und wie sie aussehen kann, können dabei sehr vielfältig sein. Forscher*innen des Sonderforschungsbereiches 228 »Future Rural Africa«, einem Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen verschiedenster Disziplinen, untersuchen gemeinsam, wie die Zukunft auf dem afrikanischen Kontinent imaginiert, aber auch realisiert wird. Vor allem in ländlichen Regionen vollziehen sich enorme Veränderungen. Periphere Gegenden werden erschlossen, um etwa neue Ressourcen nutzbar zu machen. Kenia ist eines der zentralen Forschungsgebiete, weil dort Transformationsprozesse sehr engräumig aufeinandertreffen.
In Kenia konzentriert sich die Regierung auf die Förderung des Wirtschaftswachstums durch Industrialisierung und große Infrastrukturprojekte. Besonders die Geothermie spielt dabei eine zentrale Rolle. Bei dieser Form der Energiegewinnung wird die im Erdinnern gespeicherte Wärme genutzt. Am Grabenbruch, wo der afrikanische Kontinent auseinanderdriftet, gibt es relativ oberflächennahe Magmablasen, die sehr hohe Wärmepotentiale haben. In Kenia ist das Geothermiepotential daher groß und gilt als eine so genannte basislastfähige Energieform: Strom kann rund um die Uhr und unabhängig von der Witterung erzeugt werden.
»Das ist das, was man bei uns in Deutschland immer händeringend sucht«, sagt Sozialanthropologe Dr. Clemens Greiner, der im SFB gemeinsam mit seiner Bonner Kollegin Professorin Dr. Britta Klagge das Projekt »Energy Futures« leitet. Sie erforschen, was die großen Infrastrukturprojekte im Rift Valley für die lokale Bevölkerung bedeuten, welche Konsequenzen die Transformationen für die Menschen vor Ort haben und wie sie vermittelt werden.
»Das Potential für Geothermie in der Region, in der wir gezielt arbeiten – die Baringo-Region in Nordkenia – wird auf 3000 Megawatt geschätzt «, so Greiner. »Sollte dieses Potential vollumfänglich realisiert werden, entspräche das ungefähr der Leistung von drei Atomkraftwerken und ist schon gewaltig.« Aktuell befindet sich die Region allerdings in der Erschließungsphase und es werden noch keine Anlagen betrieben. Der kenianische Staat plant in seiner Vision 2030 das Land flächendeckend zu elektrifizieren, und Geothermie soll das Rückgrat dieser Strategie sein. Rund 30 Prozent des Stroms in Kenia wird derzeit aus Geothermie gewonnen, Tendenz steigend.
Infrastruktur kann Fluch und Segen zugleich sein
Die Förderung der Geothermie hat in der Baringo-Region, die für kenianische Verhältnisse sehr arm ist, enorme Auswirkungen – sowohl auf das Hier und Jetzt als auch auf die Zukunftsperspektiven. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist die Viehnutzung. »Das Fleisch wird derzeit aber nicht dort verarbeitet, sondern zur Weiterverarbeitung aus der Region transportiert«, so Greiner. »Mit direkt genutzter geothermischer Energie könnte man vor Ort Schlachthäuser relativ kosteneffizient betreiben. Der Dampf, der bei der geothermischen Energiegewinnung entsteht, kann außerdem in der Lederverarbeitung genutzt werden.«