Das ändert sich nun. Sode und ihr Team, die Doktorandinnen Martina Filosa und Maria Teresa Catalano, haben Fördermittel in Höhe von knapp einer Million Euro in der Förderlinie »Weltwissen – strukturelle Stärkung kleiner Fächer« der VolkswagenStiftung eingeworben, mit einer Laufzeit von Oktober 2022 bis September 2028.
Unter den verschiedenen Objekten, mit denen sich die Kölner Byzantinistinnen beschäftigen – darunter Münzen, Dokumente und Inschriften – sind es speziell die Siegel, von denen sie sich neue Erkenntnisse erhoffen. »Siegel haben das Potential, alte Gewissheiten über den Haufen zu werfen«, sagt Martina Filosa. Im Gegensatz zur Massenware Münzen sind sie persönlich und sagen viel über ihren früheren Besitzer aus. Welche Funktion, welchen Titel hatte die Person inne, wie definierte er oder sie sich, wie entwickelten sich Namen? Literarische Quellen, die oft erst später verfasst wurden, sind nicht annähernd so genau und objektiv.
»Siegel sind wie Visitenkarten«, sagt Sode. »Wir erfahren viel über den Karriereverlauf einer Person. Wurde jemand beispielsweise vom Notarios zum Protonotarios befördert, also vom einfachen Anwalt zum Leiter einer Kanzlei, ließ er sich ein neues Siegel anfertigen. « Darüber hinaus beinhalten die Siegel Informationen über Familiengeschichten, über Einwanderung ins Byzantinische Reich oder über Geschlechterbeziehungen: Findet sich der arabische Name Hasan gräzisiert als Hasanis auf einem Siegel, so kann man davon ausgehen, dass es sich um einen Einwanderer aus dem Kalifat handelt. Siegel von Kaiserinnen oder Äbtissinnen belegen, dass auch Frauen Rang und Bildung genossen.
Sammlungen digital erschließen – mit Kölner Technik
Die Siegel bestehen in der Regel aus einer Seite mit dem Bild eines Heiligen oder einem Marienbildnis und einem kurzen Spruch auf der anderen Seite. »Herr, hilf dem Mönch Alexios, Erzbischof von Zypern und synkellos« besagt etwa ein Siegel aus dem 11. Jahrhundert, das sich in der Kölner Privatsammlung von Robert Feind befindet. Er hat der Abteilung für Byzantinistik seine Sammlung zur wissenschaftlichen Erschließung zur Verfügung gestellt.
Im Falle des Erzbischofs belegen auch Kirchenchroniken seine Existenz. Doch oft geben nur die hinterlassenen Siegel Auskunft über einen Menschen. Dabei liefert ein einziges Siegel jedoch nicht genügend Informationen. Dann ist es ein Glücksfall, in anderen Sammlungen auf Siegel zu stoßen, die der gleichen Person zugeordnet werden können.
Sammlungen – Eine der wichtigsten Sammlungen byzantinischer Siegel ist mit 17.000 Stücken Dumbarton Oaks in Washington, D.C. Die Eremitage in Sankt Petersburg besitzt 12.000. Die Kölner Privatsammlung von Robert Feind umfasst 1.700 Siegel.
Hier schlummert für Byzantinist:innen weltweit noch großes Potential: Nicht einmal die Hälfte der insgesamt 80.000 bis 100.000 erhaltenen byzantinischen Siegel sind erschlossen und veröffentlicht. Einerseits nimmt die Arbeit aufgrund des gesteigerten Interesses an Byzanz gerade erst an Fahrt auf. Andererseits möchten manche Sammler:innen ihre Schätze möglichst für sich behalten. Doch nur mit veröffentlichten Siegeln können die wichtigen Querverbindungen zwischen den Siegeln einerseits und zwischen Siegeln und anderen Quellen andererseits hergestellt werden, die die Identifizierung byzantinischer Persönlichkeiten oder ganzer Einrichtungen möglich machen.