Obwohl das Immunsystem Mechanismen hat, um gesunde von schädlichen Zellen zu unterscheiden, können Krebszellen diese Erkennung umgehen. Beispielsweise durch sogenannte Checkpoint-Proteine auf ihrer Oberfläche. Diese Proteine interagieren mit passenden Rezeptoren auf T-Zellen, einer Art von Immunzellen, und hemmen deren Fähigkeit, die Krebszellen anzugreifen. Sie suggerieren »hier ist alles in Ordnung und normal«. Medikamente wie Immun-Checkpoint-Inhibitoren blockieren diese Wechselwirkung und ermöglichen es den T-Zellen, die Krebszellen wieder zu erkennen und anzugreifen. Das verstärkt die Immunantwort gegen den Tumor. Voraussetzung für die Therapie ist jedoch, dass bekannt ist, dass der Tumor diese Verkleidung gewählt hat.
Immuntherapie und zielgerichtete Therapeutika, die bestimmte Proteine aktivieren oder hemmen, sind heute aus der Krebsbehandlung nicht mehr wegzudenken. »Wenn etwas schiefläuft, können wir heute in viele Prozesse eingreifen. Das setzt jedoch voraus, dass wir genau Bescheid wissen, was dort passiert«, sagt Walczak. Längst wird Patientinnen und Patienten bei Krebs nicht mehr nur ein Medikament verabreicht. Eine Kombination von Wirkstoffen soll zeitgleich verschiedene ›Verkleidungen‹ der Krebszelle lüften oder Immunzellen aktivieren. Walczak sucht nach Wegen, um die Tumorzellen empfänglich für die kraftvolle Wirkung des Immunsystems zu machen und die gewünschte tödliche Wirkung für die Krebszellen zu erzielen. Seine Forschungsgruppe testet derzeit mehrere Ansatzpunkte. Ihr Ziel: Signale zu finden, die zur Zerstörung der Krebszellen führen.
Immun-Checkpoint-Inhibitoren – Die Immunologen James Patrick Allison und Tasuku Honjo legten einst den Grundstein für die Entwicklung von Immun- Checkpoint-Inhibitoren, die das Immunsystem aktivieren, um Tumorzellen anzugreifen. Dafür erhielten sie 2018 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Zunächst wollten sie nur verstehen, wie Immunzellen ticken und wie ihre Regulation funktioniert.
Todbringende Boten
Ein Ansatz sind die Todesliganden. Das sind körpereigene Proteine, die Zelltod auslösen können. Walczaks Team hat unter anderen den so genannten Todesliganden TRAIL (Tumor Necrosis Factor Related Apoptosis Inducing Ligand) als Angriffspunkt für die Krebstherapie identifiziert. TRAIL ist ein Molekül, das in unserem Körper vorkommt und eine wichtige Rolle bei der Kontrolle von Zellen spielt. Es wird normalerweise von unserem Immunsystem produziert, um kranke oder beschädigte Zellen im Körper zu erkennen und gesund zu erhalten. Trifft TRAIL auf einen TRAIL-Rezeptor auf der Oberfläche einer Zelle, signalisiert es der Zelle, dass sie sich selbst zerstören soll. Die betroffene Zelle folgt dem Signal und zerlegt sich in kleine Teile, die von anderen Zellen leicht und ohne Schaden anzurichten entsorgt werden können.
TRAIL ist nur einer unter verschiedenen Todesliganden, doch er hat einen entscheidenden Vorteil. Anders als bei dem sogenannten Tumornekrosefaktor (TNF) oder dem Fas-Liganden, ist die Gabe von TRAIL nicht giftig für den Körper. Auch wenn der Grund für die gute Verträglichkeit von TRAIL noch nicht verstanden ist, macht sie den Todesliganden besonders attraktiv als neuen Therapieansatz.
In einigen Fällen versucht Walczaks Team, einen Immunangriff auf den Tumor dadurch wieder zu ermöglichen, dass ein Todesligand blockiert wird. Dadurch kann erreicht werden, dass Immunzellen, die Tumorzellen spezifisch erkennen und töten können, überleben. »Unser Ziel ist es, das Wissen über Todesrezeptoren und Todesliganden und die damit verbundenen Signalprozesse bestmöglich in die Tumortherapie zu integrieren«, sagt der Forscher.