»Schockierend positiv« waren laut Natalie Korobzow die Reaktionen in den sozialen Medien. »Wir hatten am Anfang keine Ahnung, wie unsere Arbeit bei einer breiten Öffentlichkeit ankommen würde. Wir haben mit Reaktionen wie ›Wer beschäftigt sich denn mit sowas?‹ oder: ›Und dafür geben wir Steuergelder aus?‹ gerechnet.« Letzteren Punkt hätten die drei leicht entkräften können, denn das Projekt war für sie ja ein privates Vergnügen. Doch nur vereinzelte Kommentare gingen in diese Richtung. Es überwogen Gratulationen: »Großartige Leistung, herzlichen Glückwunsch. Hoffe, wir hören noch mehr davon«, schrieb etwa ein Kommentator unter den Zeit-Artikel.
Seriöses von Unseriösem trennen
Eine Hoffnung der Wissenschaftler war, durch die breite Veröffentlichung des Themas an weitere Inschriften zu gelangen, um die noch verbleibenden Schriftzeichen zu entziffern – bislang ist zwar mehr als die Hälfte des Rätsels gelöst, doch noch nicht allen Zeichen konnte ein Lautwert zugeordnet werden. Tatsächlich bekam das Team eine Flut von Zuschriften, doch es waren oft eher skurrile Anfragen. Ein Heimatforscher hatte beispielsweise angefragt, ob Felsritzungen auf der Roßtrappe bei Thale im Harz die Kuschana- Schrift darstellten. Das konnte sicher ausgeschlossen werden – so weit nach Norden waren Vertreter des zentralasiatischen Reichs nie vorgedrungen. Ein Solinger Hobbyforscher wollte mit einer Bronzekanne bei Svenja Bonmann im Institut vorstellig werden, um zu erfahren, ob die Schriftzeichen darauf von den Kuschana stammten. Es handelte sich aber wohl um eine Kanne mit chinesischen Schriftzeichen, wie sie öfter an Touristen verkauft wird. Auf die Anfrage eines französischen Ufologen antwortete das Team schließlich nicht mehr.
»Wir haben aber auch seriöse Zusendungen von Wissenschaftlern bekommen, die Inschriften in ihren Archiven hatten, mit denen sie nichts anfangen konnten, oder Fotos von Inschriften auf Bergen in der Region«, sagt Halfmann. Hier gab es ebenfalls keine Treffer, doch für die Zukunft geben die drei Forscher nicht auf. Langfristig ist der Plan, nach Tadschikistan zu fahren, um Orte mit bestätigten Funden der Kuschana-Schrift aufzusuchen.
Jakob Halfmann und Natalie Korobzow haben mittlerweile Stellen an der Universität Würzburg angetreten, Svenja Bonmann ist als Akademische Rätin am Kölner Institut für Linguistik tätig. Die breite Kommunikation ihres Forschungsergebnisses hat nicht zuletzt dazu beigetraten, national und international berufliche Kontakte herzustellen – auch über die Grenzen der Linguistik hinaus in die Archäologie und die Altertumswissenschaften. Nun hoffen die drei, dass das breite Interesse der Öffentlichkeit an ihrem Thema vielleicht bei der Suche nach Forschungsmitteln für die geplante Reise in die Region hilfreich sein wird. In jedem Fall haben sie ihrem »kleinen« Fach, der Historisch-Vergleichenden Sprachwissenschaft, zu mehr Aufmerksamkeit und Ansehen verholfen.
DAS KUSCHANA-REICH
Ungefähr zur Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. eroberten die sogenannten Yuèzhī, Nomaden aus der eurasischen Steppe, das hellenisierte Baktrien. Die Kuschana waren ein Clan innerhalb dieser nomadischen Stammeskonföderation, der nach und nach die Macht an sich riss und ein Großreich formte. Der größte Teil des ehemaligen Reiches liegt im heutigen Afghanistan, aber auch in Teilen Tadschikistans und Usbekistans sowie Pakistans, Nordindiens und des westlichen Chinas. Das Kuschana-Reich interagierte mit dem Arsakiden- und später dem Sassaniden-Reich ebenso wie mit dem Kaiserreich China und – vermittels maritimer Handelsrouten über den Indischen Ozean – auch mit Rom. In der Spätantike zerfiel das Kuschana-Reich und wurde unter anderem vom Sassaniden-Reich erobert.
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