Eine gigantische Aufgabe, die Brüssel und die Bundesregierung sofort angehen müssten, um für einen möglichen strengen Winter halbwegs auf der sicheren Seite zu sein. »Sonst kann es eng werden«, fürchtet Çam. Der Grund: Bei einer langen Frostperiode ist zu erwarten, dass die Gasnachfrage um fast 30 Prozent hochschnellt.
An einer merklichen Nachfrage-Reduktion schon über den Sommer führt laut dem Energieökonom bei einem Embargo auch deshalb kein Weg vorbei, weil Ersatz fürs russische Gas nicht auf die Schnelle verfügbar ist. Und das aus drei Gründen. Erstens: Länder wie die Niederlande und Norwegen liefern bereits an ihrer Kapazitätsgrenze. Für den Einkauf von Flüssiggas (LNG) muss Deutschland zweitens erst eine Infrastruktur schaffen, beispielsweise Terminals bauen. Zudem sind die Verflüssigungskapazitäten der Exporteure etwa aus Katar und den USA aktuell nahezu vollständig ausgelastet und zudem an langfristige Lieferverträge gebunden, was Europas Importchancen begrenzt. Drittens: Weil Kohle wegen der enorm gestiegenen Gaspreise inzwischen billiger ist, haben die Betreiber ihre Gaskraftwerke bereits weitgehend abgeschaltet und produzieren Strom lieber mit ihren Kohlemeilern (ein sogenannter »Fuel Switch«). Dort lässt sich also nicht mehr viel einsparen.
Das alles zeigt: Die Umsetzung eines Boykotts wäre äußerst schwierig. Allein schon die Diskussion darüber hat jedoch Putin geholfen. Sie trieb die Preise für Öl und Gas derart in die Höhe, dass der Zahlungsstrom aus der EU trotz sinkender Abnahmemengen anschwoll und Russlands Kriegsmaschinerie mit Rekordeinnahmen schmierte. Mitte Mai zum Beispiel mit rund 800 Millionen Euro – täglich!
Dagegen ächzen die EU-Bürger:innen unter explosionsartig steigenden Energiekosten fürs Heizen, Waschen und Autofahren. Die Preise treiben zudem die Inflation auf seit Jahrzehnten nicht gesehene Höhen von annähernd acht Prozent.
Importzoll statt halbgarem Boykott-Kompromiss
Axel Ockenfels, Wirtschaftsprofessor an der Uni Köln und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesministeriums für Wirtschaft, Klima und Energie, bringt daher zwei andere Optionen ins Spiel: Preisultimaten und Importzölle. Sie stärkten die Verhandlungsposition der EU im Poker mit Putin besser als ein Embargo, ist Ockenfels überzeugt. »Es ist möglich, die Einnahmen von Putin effektiv zu beschränken, ohne dass sich die EU in eine prekäre Lage bringt«, erklärt der Ökonom. »Dafür sollten aber kluge Preispolitiken für die importierte Energie erwogen werden, und nicht Mengenlimits.«
Damit dies möglichst effektiv gelingt, schlägt Ockenfels ein geteiltes Vorgehen vor. Beim Öl hält er die Erhebung eines Importzolls für den geeigneteren Hebel als den halbgaren Boykott-Kompromiss, auf den sich die EU jüngst einigte: Durch Pipelines darf russisches Öl weiter fließen, nur die Zustellung per Tanker wird verboten.
Ein Importzoll hingegen zwänge den Kremlchef, argumentiert Ockenfels, sein Öl billiger anzubieten, weil es ansonsten wegen des Aufschlags nicht mit dem Marktpreis konkurrieren kann. Der Effekt: Anders als bei dem beschlossenen schrittweisen Ölembargo, das zunächst einmal zu einem Anstieg des Ölpreises und damit der Einnahmen Putins führt, schrumpfen bei einem Importzoll seine Gewinne aus dem Ölgeschäft.
Zusätzlich würde der Westen Einnahmen erzielen, mit denen er beispielsweise den Wiederaufbau der zerstörten ukrainischen Infrastruktur finanzieren oder die hohen Energiepreise sozial abfedern könnte.