Inhaltlich konkretisierte der Eurasismus slawophile Ideen und fügte neue hinzu. Die russische Geschichte wurde umgedeutet und das sogenannte Tatarenjoch des 13. und 14. Jahrhunderts, als die russischen Fürstentümer von den Tataren beherrscht wurden, erschien in neuem Licht. Bönker: »Was bis dahin sehr negativ als Rückschlag Russlands in die ›asiatische Barbarei‹ angesehen wurde, wurde jetzt als etwas gesehen, das die russischen Bauern mit asiatisch-mongolischen Traditionen verbunden habe. Daraus habe sich ein spezifischer nicht-westlicher Weg ergeben.«
Die territoriale Ausdehnung des ersehnten Russischen Reiches variierte bei den Anhängern der Theorie. Manche vertraten keinerlei Gebietsansprüche über die existierenden Grenzen des Sowjetreiches hinaus. Manche hatten aber auch die Idee, dass die Mongolei oder aber Teile von China zum Russischen Reich gehören sollten. »Es gab auch Vorstellungen, dass es ein Reich bis zum Atlantik geben solle«, erklärt die Historikerin. »Es war ein schräges Amalgam von Ideen, immer mit der Vorstellung, dass Russland etwas Besonderes in der Weltgeschichte sei.«
Mit Dugin ins Faschistische
Während der Sowjetzeit ging der Eurasismus in den Untergrund, war aber nie weg. Es gab noch vereinzelte eurasische Ideen in den Emigrantenkreisen, wie zum Beispiel bei dem Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der sich nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion 1974 sofort zu den slawophilen und anti-westlichen Ideen bekannte und später noch in den 1990ern, so Bönker, »Vorreiter des slawophilen, orthodoxen und antiwestlichen Mantras« wurde. Auch der russische Geograph und Turkologe Lew Gumiljew, Sohn der bekannten Dichterin Anna Achmatova, vertrat letztendlich in der Sowjetunion ähnliche Konzepte. »Doch es war offiziell nicht sagbar, es durfte nicht kommuniziert werden«, sagt Bönker.
Mit der Perestroika und dem anschließenden Zerfall der Sowjetunion änderte sich dies. Als in den 1990er Jahren die Kommunikation freigegeben wurde, erlebten diese Ideen und ihre Vertreter neuen Zustrom. »Durch den liberal-demokratischen Aufbruch hatten die Eurasier zwar keine besonders großen Foren und Kommunikationsmöglichkeiten, doch die 1990er Jahre waren die Zeit eines gewissen intellektuellen Vakuums«, erklärt Bönker. »Es gab zwar liberale demokratische Ideen, sie konnten sich in Russland aber letztlich nicht durchsetzen. Unmittelbar nach dem Amtsantritt Wladimir Putins konnten diese Ideen wieder mehr Raum einnehmen und sich mehr Gehör verschaffen.«
In den 1990er Jahren betrat auch Alexander Dugin die Bühne des Geschehens. »Dugin hat eine neue Note hereingebracht «, konstatiert die Historikerin. Um es präziser zu sagen: »Dugin hat faschistische Vorstellungen.« Als Mitglied der ultranationalistischen und antisemitischen Gruppierung Pamjat (Gedächtnis) verkehrte er mit inter- nationalen Größen der Neuen Rechten wie Alain de Benoist oder Jean-François Thiriart und begründete mit anderen die Nationalbolschewistische Partei Russlands, die 2005 verboten wurde. Er ist mit Teilen des Staatsapparates vernetzt und Mitglied im rechtsextremen Think-Tank Isborsk-Club. Der Neo-Eurasismus, wie er jetzt bezeichnet wurde, nahm Gedanken aus dem extrem rechten Denken auf.
»Dugin sagt deutlich, dass die Russen ein ›arisches Volk‹ und deshalb allen anderen Völkern auf der Welt überlegen seien«, führt Bönker aus. »Ihnen würde die Führungsposition in der Welt zustehen. Das hat ein biologistisches Element und zudem ein aggressives Potential, denn dass Krieg geführt werden muss, um diese Vorstellungen durchzusetzen, schließen die meisten Vertreter seiner Ideen nicht aus.« So ist es nicht erstaunlich, dass Dugin sich 2014 positiv über die Annexion der Krim äußerte und die militärische Aggression gegen den Rest der Ukraine unterstützte. Seine radikale Unterstützung war selbst dem Kreml zu viel. Nachdem Dugin 2014 in einem Interview auf die Frage, was mit den Ukrainer:innen zu machen sei, die ihre Regierung gegen Russland unterstützten, »Töten, töten, töten, das ist meine Meinung als Professor« geantwortet hatte, wurde er von seinem Lehrstuhl an der renommierten Moskauer Lomonossow-Universität entfernt.