Als Kulturpflanze wird Amaranth seit rund 8.000 Jahren angebaut. Er ist sehr resistent gegenüber Hitze und Trockenheit, benötigt verhältnismäßig wenig Wasser und wird aufgrund des hohen Proteingehalts der Körner geschätzt. Zudem ist Amaranth kein echtes, sondern ein sogenanntes Pseudogetreide und daher » glutenfrei. Für die zukünftige Sicherung der weltweiten Ernährung könnte er daher eine interessante Rolle spielen. Allerdings hat Amaranth viele menschengemachte Veränderungen typischer Kulturpflanzen noch nicht durchlaufen. Er bildet etwa verhältnismäßig kleine Samen aus, die herunterfallen anstatt an der Rispe hängen zu bleiben. Was für die Wildpflanze von Vorteil ist, um sich zu verbreiten, ist für eine Kulturpflanze, die geerntet werden soll, eher ungünstig. Hier könnten zukünftige Züchtungen ansetzen.
Für die Wissenschaftler*innen interessant ist zudem, dass Amaranth, anders als Mais, drei Mal unabhängig voneinander domestiziert wurde – zwei Mal in Mittelund ein Mal in Südamerika. »Das heißt, wir können uns ein 8.000 Jahre langes Selektionsexperiment in verschiedenen Regionen der Welt ansehen. Wir untersuchen, ob Evolution immer gleich oder unterschiedlich abläuft. Im Endeffekt entschlüsseln wir den genetischen Code und finden heraus, wie man Gene richtig an- und ausschaltet, damit etwas dabei herauskommt, das tatsächlich funktioniert«, so Stetter, der kürzlich für seine Arbeit den renommierten und hochdotierten ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrats eingeworben hat.
Auch wenn im Gewächshaus des Instituts für Pflanzenwissenschaften einige Amaranthpflanzen wachsen und blühen, findet die meiste Arbeit vom Stetters Arbeitsgruppe in Form von Genomsequenzierungen am Computer statt. Amaranth hat ein relativ kleines Genom mit ›nur‹ 500 Millionen Basenpaaren. Im Vergleich dazu ist Mais mit 2,3 Milliarden Basenpaaren pro Pflanze ein wahrer Erbgutriese. »Wir scannen das Genom bei tausenden Individuen der Pflanze zehn bis hundert Mal«, so Stetter. Aus dem genetischen Code können die Wissenschaftler*innen die Geschichte der Populationen decodieren und zurückverfolgen. »Daraus lernen wir, wie und unter welchen Bedingungen sich bestimmte Merkmale ausbilden und welche Populationen sich aufgrund bestimmter genetischer Grundlagen an spezielle Standorte gut anpassen. So können unsere Ergebnisse gezielte Züchtungen unterstützen. «
Um Landwirtschaft nachhaltig gestalten zu können, bedarf es Pflanzen, die auch unter schlechten Bedingungen einen guten Ertrag oder einen hohen Proteingehalt und viele Nährstoffe liefern. »Neue Kulturpflanzen, die in Anbetracht des Klimawandels besonders anpassungsfähig oder resilient sind, können einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit leisten «, betont der Forscher. Auch Schädlinge und Krankheitserreger gilt es besser zu verstehen. Denn auch sie passen sich an ihre Umwelt an und besetzen bestimmte Nischen. »Wenn wir verstehen, wie Pathogene funktionieren und wie sich manche Pflanzen schützen, kann das auch für andere Pflanzen nützlich sein.«
Schlüsselfaktor Mikroben
Diese Idee vertritt auch Stetters CEPLAS-Kollegin Professorin Dr. Alga Zuccaro. Ihr Ziel ist ebenso dazu beizutragen, dass Pflanzen resilienter werden. Allerdings nimmt sie dabei vor allem die Bodenmikrobiota – die Gesamtheit der kleinen Lebewesen – in den Blick, insbesondere die Organismen, die über die Wurzeln mit der Pflanze interagieren. »Am Ende wollen wir beide verstehen, wie Pflanzen auf Stress reagieren. Markus Stetter untersucht dies anhand einer bestimmten Pflanze. Meine Arbeitsgruppe untersucht, wie Mikroben die Immunantwort verschiedener Pflanzen auf biotischen und abiotischen Stress beeinflussen«, verdeutlicht Zuccaro.
Während manche Mikroben Krankheiten verursachen, können andere nützlich sein. Sie können das Pflanzenwachstum in nährstoffarmen Umgebungen steigern und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheitserregern verbessern. Wie genau die Interaktion zwischen der Mikrobiota und der Pflanze funktioniert, ist komplex und bisher nur unzureichend erforscht. Allerdings zeigen neuere Erkenntnisse, dass die Bodenmikrobiota ein bedeutender Faktor für die Landwirtschaft und die Pflanzenzüchtung sind. Zuccaro sieht hierin großes Potential: »Wenn wir Pflanzen in einem nährstoffarmen Umfeld ohne Mikroben wachsen lassen, wachsen sie kaum und können sogar sterben. Sind jedoch Mikroben im Boden vorhanden, die mit der Pflanze interagieren, überleben sie trotz der nährstoffarmen Umgebung. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Mikroben eine Schlüsselrolle spielen.«