Der zweite Jäger in der Reihe duckt sich und schleicht sich in einem großen Bogen um das Wild gegen den Wind an. Minuten vergehen, dann ist er auf Schussnähe zum Bock – 50 Meter. Er zielt und drückt ab – klick! Mit seiner Kamera macht er gleichzeitig ein Foto vom Tier und zeichnet die GPS-Daten auf. Das Tier schreckt auf, es hat die Jäger bemerkt, die Jagd ist vorbei. Auch der Standort des Tieres beim »Schuss« wird gespeichert, dann geht es zurück. »Wir haben dadurch jetzt alle Parameter einer realistischen Jagd – nur, dass wir nicht mit dem Pfeil schießen mussten, was in dieser Gegend auch gar nicht erlaubt ist«, sagt Lenssen-Erz.
Archäologische Fundstätten im Blick
Nicht zuletzt soll das Forschungsprojekt helfen, Licht in eine alte Frage der Archäologie zu bringen: Warum sind die Fundstätten dort, wo sie sind? Welche Bedeutung hat die Wahl eines Siedlungsortes oder des Ortes einer Felsmalerei? Viele der Fundstellen in den Doro !nawas Bergen scheinen mit der Jagd zusammen zu hängen. In der modernen Archäologie hat man verschiedene Formeln und mathematische Modelle entwickelt, die erklären, wie man archäologische Fundstellen in einen Bewegungskontext bringen kann: Topographie, Distanz, Wegezeiten und Sichtbarkeit werden oft als wichtige Faktoren angesehen, welche die menschliche Mobilität beeinflussen. »Die von uns verwendeten Modelle sind jedoch nur eine Abstraktion der Realität«, sagt Eleftheria Paliou. »Welche Faktoren sind für die Modellierung der Bewegung bei der Jagd mit traditionellen Mitteln wichtig? Und wie können wir solche Modelle am besten kalibrieren? Das würden wir gerne wissen.«
Die San-Jäger kümmert das Modell wenig. Auf dem Rückweg ins Camp passiert etwas, was der least-cost-path-Analyse widerspricht: Die San fixieren einen Punkt im Gelände, der auf dem Weg zum Camp liegt. Dann steuern sie direkt darauf zu – hoch und runter, quer über Steinfelder und Hindernisse, und kümmern sich nicht um den Energieverbrauch. Lenssen-Erz: »Damit Das auf drei Jahre angelegte Projekt »Indigenes Wissen und Archäoinformatik«, das 2019 begann, will ein besseres Verständnis der Mobilität von Jägern und Sammlern in einer unbewohnten archäologischen Landschaft im westlichen Zentralnamibia gewinnen. Es nutzt die seltene Gelegenheit, die Bewegungen indigener Fährtensucher bei der Jagd mit traditionellen Mitteln – zu Fuß und ohne Schusswaffen, optische Hilfsmittel oder Jagdhunde – in einer an archäologischen Zeugnissen reichen Landschaft nachzuvollziehen.
Die vor Ort gesammelten Daten werden verwendet, um einzigartige Einblicke in die Wegfindungsprozesse sowie die physischen Einschränkungen der menschlichen Mobilität während der Jagd zu erhalten. Diese Erkenntnisse werden genutzt, um Berechnungsmodelle für die Mobilität von Jägern und Sammlern in offenen Landschaften zu erstellen, die besser auf die Archäologie und insbesondere der Jäger-Sammler-Forschung zugeschnitten sind.
Da die Wissenschaftler persönliche Daten der San erheben, mussten sie auch besondere Anforderungen erfüllen: Die Art der Forschungen, der Datenerhebung und -behandlung, aber natürlich auch die Einverständniserklärung der San zur Nutzung von Bildern, Daten und Audioprotokollen mussten der Medizinischen Fakultät vorgelegt werden, um ein Ethikzertifikat zu erhalten. Das besteht auf strengen Regeln, die auf der deutschen Datenschutzgrundverordnung gründen. wollen sie verhindern, dass sie sich nach dem Jagderfolg noch verlaufen. In einer fremden Landschaft verhält man sich eben ganz anders als in einer, wo man jeden Zweig und Strauch kennt.«
Das Wissen der Vorfahren nutzen
Tilman Lenssen-Erz arbeitet bereits seit Jahren mit den San-Trackern zusammen. »Für die San ist es eine gute Art des Broterwerbs, weil sie eine Sache machen, die sie gerne tun und in der sie sehr gut sind: jagen gehen«, sagt der Archäologe. »Auch über das Fährtenlesen sagen sie, dass sie es gerne machen. Das ist eine Passion für sie. Das ist das Selbstbild, das Lebensgefühl.« Vogels ergänzt: »Und in den Gemeinschaften der San hat sich herumgesprochen, dass das Wissen der Vorfahren nicht irrelevant geworden ist.«