Der nächste Schritt bestand nun darin herauszufinden, wie die Pflanzen es schafften, die toxische Ansammlung des mutierten Huntingtins zu vermeiden. Dabei stellten die Forschenden fest, dass der Schlüssel in den Chloroplasten lag, jenen pflanzenspezifischen Organellen, die die Photosynthese durchführen und aus Licht Energie gewinnen. Llamas meint: »Anders als Menschen haben Pflanzen mit den Chloroplasten einen extrazellulären Organellentyp zur Verfügung, der offenbar eine erweiterte molekulare Maschinerie bereitstellt, um giftige Proteinaggregate loszuwerden.« Das multidisziplinäre Team identifizierte daraufhin das Chloroplasten-Pflanzenenzym Stromal Processing Peptidase (kurz SPP) als entscheidenden Schutzmechanismus, der Pflanzen vor dem problematischen menschlichen Protein schützt.
Start-up geplant
Anschließend brachte das Team synthetisch hergestelltes SPP (oder das entsprechende Gen dafür) in tierische Modellorganismen ein. Und tatsächlich: Das pflanzliche SPP reduzierte in Modellen der Huntington-Krankheit, beispielsweise in kultivierten menschlichen Zellen und Würmern wie dem Nematoden Caenorhabditis elegans, die Proteinklumpen und Krankheitssymptome. Dr. Hyun Ju Lee, eine Postdoktorandin, die ebenfalls an der Studie beteiligt war, berichtet: »Wir waren erfreut zu beobachten, dass die Exprimierung des pflanzlichen SPPProteins die Motilität, also die Fähigkeit zur aktiven Bewegung, von C. elegans-Würmern verbesserte, die von Huntingtin betroffen waren. Das klappte selbst in späteren Alterungsstadien, in denen die Symptome noch schlimmer sind.« Die in Nature Aging veröffentlichten Ergebnisse öffnen somit die Tür für den Einsatz von SPP als potenzielle Therapie für die bisher unheilbare Huntington-Krankheit – natürlich erst, nachdem weitere klinischen Tests sichergestellt haben, dass eine solche Therapie wirksam und verträglich ist.
Dr. Seda Koyuncu, eine weitere an der Studie beteiligter Postdoktorandin, sagt: »In den vergangene Jahren haben wir gesehen, dass mehrere vielversprechende Ansätze zur Behandlung von Erbkrankheiten wie der Huntington-Krankheit gescheitert sind. Wir sind zuversichtlich, dass unser Ansatz der synthetischen Pflanzenbiologie zu erheblichen Fortschritten auf diesem Gebiet führen wird.« Diese Hoffnung brachte dem Team nun eine Förderung im Rahmen des GO-Bio initial-Programms des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ein. Geplant ist laut Llamas ein Start-up zur Herstellung pflanzlicher Proteine, um sie als potenzielle Therapeutika zur Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen beim Menschen zu testen.
Trendsetter aus Köln
Ob eine mögliche Therapie für Huntington und weitere Polyglutamin-Erkrankungen tatsächlich in den pflanzlichen Chloroplasten steckt, muss sich zeigen. Bisher können die Forschenden auch noch nicht einschätzen, ob und welche Nebenwirkungen das Pflanzenenzym beim Menschen haben könnte. Viele der bisher erprobten Therapien scheiterten genau daran. So brachen in den vorigen zwei Jahren zwei Weltkonzerne (Novartis und Roche) ihre ursprünglich vielversprechenden klinischen Huntington-Studien wegen schwerwiegender Nebenwirkungen wieder ab. Einen Hoffnungsschimmer stellt dieser völlig neue Wirkmechanismus allemal dar.
Ernesto Llamas sieht es so: »Oft vergessen wir, dass einige Pflanzen Tausende von Jahren alt werden können und als Modelle für Alterungsprozesse dringend untersucht werden sollten.« Mit ihrem Schulterschluss zwischen Alternsforschung samt Neurodegeneration und Pflanzenkunde sind die Kölner Forscherinnen und Forscher echte Trendsetter: Inzwischen gebe es eine ganze Reihe ähnlicher Projekte und Forschungsvorhaben überall auf der Welt.
Weitere Informationen:
Alternsforschungs-Exzellenzcluster CECAD
Webseite Prof. Dr. David Vilchez
Zum Paper in Nature Aging