Ein Grund dafür lag auch im Umgang der Behörden mit dem Fall, denn nach der Tat hatte die Polizei Frauen zunächst geraten, nachts nicht mehr alleine nach Hause zu gehen. Das sorgte für Empörung, denn warum sollten die Frauen ihr Verhalten ändern? Das roch zu sehr nach einer Abwälzung der Schuld auf die Opfer. Protestierende und Aktivist:innen forderten stattdessen darüber zu sprechen, warum Männer so viel häufiger Gewalttaten verüben als Frauen. Sie, so die Forderung, sollten sich ändern, damit Frauen sich auch nachts auf den Straßen sicher fühlen können.
Tatsächlich begehen in fast allen Ländern der Welt Männer sehr viel häufiger Verbrechen – besonders Gewaltverbrechen – als Frauen. Die Polizeiliche Kriminalstatistik belegt auch für Deutschland ein drastisches Missverhältnis zwischen den Geschlechtern: 2020 waren von etwas unter 2 Millionen Tatverdächtigen fast 1,5 Millionen Männer, also knapp 75 Prozent. 2018 war der Anteil bei 85 Prozent sogar noch höher.
Was macht Männer anfälliger für Gewalt? »Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die Forschung dazu steht noch vor vielen Fragen «, sagt Dr. Nicole Bögelein vom Institut für Kriminologie der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Frühere Forschung habe nicht so sehr danach gefragt, warum die Kriminalitätsrate von Männern höher ist. Es galt eher zu erklären, warum die der Frauen nicht der männlichen »Norm« entspricht.
Die Rolle der Biologie ist umstritten
Bis in die 1970er Jahre hinein waren biologistische Erklärungsmodelle für die niedrigere Frauenkriminalität verbreitet. Sie gingen oft von einem eher friedlichen Wesen von Frauen aus oder unterstellten ihnen schlichtweg mangelnde Intelligenz. Die sogenannte Ritterlichkeitsthese postulierte ab den 1950er Jahren, dass kriminelle Frauen eher nicht strafrechtlich verfolgt würden, da die damals meist männlichen Strafverfolger bei ihnen ein Auge zudrücken würden. Eine andere These besagte, dass sich das weibliche Kriminalitätsniveau mit fortschreitender Emanzipation an das der Männer angleichen würde. »Das alles hat sich nicht bewahrheitet. Über die vergangenen 100 Jahre begehen Frauen relativ stabil ungefähr ein Viertel der offiziell erfassten Verbrechen«, sagt Bögelein. Dieser Prozentsatz sinkt noch mit der Deliktschwere: Nur fünf Prozent aller Strafgefangenen sind Frauen. Außerdem gibt es kaum Wiederholungs- oder Intensivtäterinnen.
Liegt es also doch an der Biologie, dass Männer öfter gewalttätig werden? Eine gesellschaftlich häufig bemühte Erklärung kreist um Testosteron, das vermeintlich aggressiv machende männliche Sexualhormon. Kriminologische Studien zur Rolle von Testosteron sind Bögelein zufolge jedoch nicht eindeutig. Manche Studien stellen einen Zusammenhang her, andere nicht. »Der Knackpunkt dabei ist, dass bisher niemand genau sagen kann, ob erhöhte Testosteronwerte eine Ursache oder eine Folge von Gewalt sind«, sagt die Soziologin. Auch haben die meisten Studien den Testosteronwert im Blut der Probanden gemessen. Die im Gehirn vorhandene Menge, die Gefühle und Verhalten beeinflussen kann, wurde dabei nicht erfasst. Daher seien die Ergebnisse wenig aussagekräftig. Und dennoch: Testosteron hat keinen guten Ruf und dient als populäre Erklärung für männliche Aggression.
Frauenhass als Motiv
Seitdem immer mehr Frauen verantwortliche, gut sichtbare Positionen in Politik und Gesellschaft einnehmen, nimmt auch die Hasskriminalität gegen sie zu. Besonders im Internet und in den sozialen Medien erleben viele von ihnen sexistische Beleidigungen und sexualisierte Gewaltandrohungen. Diese Form von Kriminalität wird derzeit noch nicht in einer eigenen Statistik erfasst, sondern zählt als »Beleidigung« oder »Drohung«. Ähnliche Straftaten werden auch aus rassistischen Motiven begangen und deuten auf ein in Teilen der Gesellschaft verbreitetes, unterschwelliges Klima der Geringschätzung dieser Gruppen hin. Seit dem 3. April 2021 ist ein neues Gesetzespaket zur Bekämpfung von Rechtsradikalismus und Hasskriminalität in Kraft, das die sozialen Netzwerke dazu verpflichtet, derartige Texte nicht nur zu löschen und die Accounts zu sperren, sondern die Straftaten auch dem Bundeskriminalamt zu melden.
Liegt es vielleicht am Gehirn? Ticken Männer einfach anders? Im Durchschnitt ist das männliche Gehirn ungefähr 100 Gramm schwerer. MRT-Bilder und anatomische Schnitte zeigen allerdings keine visuellen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen. Sie sind im Wesentlichen gleich aufgebaut. In einigen Hirnstrukturen bestehen zwar Unterschiede, sie sind aber als Hinweise für eine männliche Gewaltvorhersage nicht geeignet. »Anatomische Strukturen können keine Auskunft über neuronale Vernetzungen geben«, sagt Professor Dr. Josef Kessler von der Klinik und Poliklinik für Neurologie. »Des Weiteren sagen sie weder etwas darüber aus, wie die Mechanismen im Gehirn interagieren und gesteuert werden, noch geben sie Hinweise über die sogenannte neuronale Plastizität – also wie sich das Gehirn im Laufe des Lebens verändert und warum manche Menschen etwa gewaltbereiter sind als andere.« Man kann festhalten: Es gibt kein stereotypes männliches oder weibliches Gehirn.
Auch die Rolle der Gene ist dem Mediziner zufolge noch nicht hinreichend erforscht: Zwar existieren bei Männern Genomvarianten, die die gewaltfördernden Überträgerstoffe Serotonin und Dopamin in erhöhtem Maße produzieren. Doch insgesamt gebe es aus neurowissenschaftlicher Sicht keine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach der Ursache der Gewaltneigung von Männern. Kessler sieht sie also nicht als irgendeiner »Natur« willenlos ausgeliefert an: »Nicht nur das Gehirn prägt unser Verhalten, sondern unser Verhalten moduliert auch das Gehirn.«