Und – hat es funktioniert? Ist er steinalt geworden?
Tatsächlich hatte Metschnikow, als er 1916 starb, mit 71 Jahren ein für damalige Verhältnisse recht hohes Alter erreicht. Aber das ist natürlich kein Beweis, sondern eher anekdotisch. Im Grundsatz hatte er mit seinen Überlegungen aber vollkommen recht. Das können wir heute klar belegen.
Wie sehen die modernen Beweise dieser Theorie aus? Die direkteste Verbindung, die wir finden konnten, ist dass sich die Lebensspanne – und hier vor allem die gesunde Lebenspanne – durch die Übertragung des Mikrobioms von jüngeren Tieren auf ältere Tiere drastisch verlängert. Denn jüngere Mikrobiome verfügen über eine höhere Anzahl nützlicher Mikroben als ältere. Das wurde bei verschiedenen Modellorganismen gezeigt: bei Fliegen, Fischen und Mäusen.
Wie müssen wir uns das vorstellen, die Übertragung des Mikrobioms?
Das klingt jetzt vielleicht nicht so appetitlich… Es ist aber auch in der Humanmedizin ein durchaus etabliertes und sehr hilfreiches Verfahren und heißt Stuhl-Transplantation. Das wird vor allem bei Menschen mit Clostridium difficile-Infektion angewandt, die schwerste Entzündungen des Darms hervorruft. Dieses Bakterium – wir nennen es kurz C. diff. – ist ein häufiger Bestandteil des Mikrobioms. Wir alle haben es. Aber oftmals gewinnt es nach einer Antibiotika-Behandlung Überhand, denn es kann sich recht gut gegen Antibiotika schützen.
Während alle anderen Mikroben durch die Antibiotika abgetötet werden, verfällt dieser Typ in eine Art Winterschlaf, denn er kann sehr widerstandsfähige Sporen bilden. Sobald die Behandlung endet, keimen diese Sporen aus, besiedeln den Darm und werden zu einer ernsten Infektion, die sich dann nur sehr schwer mit anderen Antibiotika behandeln lässt. Aber diese Mikrobe hat eine Schwäche: Sie kommt mit der Gesellschaft anderer Mikroben nicht besonders gut zurecht. Wird solchen Patienten nun Stuhl und damit eine Vielzahl anderer Mikroben per Koloskopie übertragen, lässt sich die Infektion zurückdrängen.
Einfach so, von Mensch zu Mensch?
Natürlich muss der spendende Mensch gesund sein – und das Transplantat wird vor der Übertragung auf Krankheitserreger und Viren untersucht. Aber nach einer solchen Behandlung bessern sich die Symptome meist sehr schnell. Die Erfolgsrate bei der Ausrottung oder Kontrolle der C. diff.-Infektion liegt bei etwas über 90 Prozent, das ist doch wirklich bemerkenswert, oder? Die Patienten sind wieder vollkommen gesund und haben keine Infektion mehr.
Ganz generell und weit über diese Darmerkrankungen hinaus ist es aber für uns Forschende hochinteressant, dass man Mikroben grundsätzlich mit anderen Mikroben kontrollieren kann. So ist die Übertragung von Fäkalien zu einem sehr wichtigen Forschungsthema geworden – auch in der Alternsforschung Inwiefern unterschiedet sich das Mikrobiom von alten und jungen Menschen? Es unterscheidet sich deutlich, wobei wir hier über ein sehr, sehr komplexes Ökosystem reden. Wir haben Tausende verschiedener Mikroben gefunden, die alle Moleküle produzieren, die wir noch nicht einmal richtig charakterisiert haben. Wir verfügen noch nicht über die Werkzeuge, um vollständig zu verstehen, was sie alle tatsächlich tun.