Die Konsequenz, so Grundmann: »Folgen wir allein unseren Plausibilitätserwägungen, dann möchten wir ihnen hundertprozentig recht geben, weil alles, was sie vorbringen, so einleuchtend erscheint und zudem für einen entspannten Umgang mit der Pandemie spricht.« Denn wer sehnt sich nicht zurück zur Normalität vor Corona? Wir alle wünschen uns natürlich ein Leben ohne Angst vor Ansteckung.
Im Zweifel bewusst für die Wissenschaft entscheiden
Dieses Problem der bei komplexen Zusammenhängen für Laien fehlenden Nachvollziehbarkeit ist nicht auflösbar. Grundmann empfiehlt, sich bewusst zu entscheiden, der Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft auch dann zu folgen, wenn sie aus der eigenen Perspektive nicht gut nachvollziehbar ist – selbst wenn das eine gewisse Zumutung für den gesunden Menschenverstand ist.
Mehrheitsmeinungen in der Wissenschaft – und wie man sie als Laie erkennt
Wissenschaftliche Mehrheitsmeinungen sind für Nichtwissenschaftler:innen nicht immer klar erkennbar. Denn nur die Stimme fachlich einschlägiger Wissenschaftler:innen zählt und nicht jede Stimme zählt gleich viel, weil es auch hier deutliche Expertisedifferenzen gibt. Zudem ist es für Laien schwer, die Positionen wirklich klar zuzuordnen und angesichts von dynamischen Entwicklungen in einer Vielzahl von schwer verständlichen Publikationen den Überblick zu behalten. Schließlich versuchen manche interessengesteuerten Akteur:innen die öffentliche Wahrnehmung der Mehrheitsmeinung durch eine geschickte Aufmerksamkeitsökonomie zu manipulieren. Wissenschaftsjournalist:innen und Internet-Plattformen wie Wikipedia versuchen zwar die Entwicklung wissenschaftlicher Mehrheitsmeinungen nachzuzeichnen. Aber auch hier lässt sich der Verdacht von Einseitigkeiten und Manipulationen nicht ganz ausräumen. Aus Thomas Grundmanns Sicht wäre deswegen eine institutionelle Neuerung dringend erforderlich. Er plädiert für eine von den großen Wissenschaftsgesellschaften und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) gemeinsam getragene öffentlich-rechtliche Plattform, die objektive Kriterien und Maßstäbe für aussagekräftige wissenschaftliche Mehrheitsmeinungen transparent erarbeitet und zu gesellschaftspolitisch wichtigen Fragen die Entwicklung der wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung für die Öffentlichkeit und Politik klar erkennbar macht.
»In der Philosophie gab es ab dem Spätsommer 2020 eine gewisse Tendenz zum sorglosen Schwadronieren in punkto Coronapandemie «, sagt der Philosoph. So seien damals auch aus seiner Disziplin Stimmen laut geworden, dass der Lockdown letztlich eine Überreaktion dargestellt hätte, der nur durch die Ungewissheit in der frühen Phase der Pandemie entschuldbar sei. Doch extrem hohe Sterbezahlen und eine drohende Überlastung des Gesundheitssystems haben für Grundmann auch den zweiten Lockdown klar gerechtfertigt. Was ihn erschüttert: Auch in den Reihen der Philosoph:innen gibt es Wissenschaftsleugner:innen, die die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Methoden und Modelle generell angreifen. Grundmann meint: »Hier sollte sich die Philosophengemeinschaft nicht scheuen, auch gegenüber Kollegen und Kolleginnen auf die Beachtung von wissenschaftlichen Fakten als Minimalstandard für philosophische Glaubwürdigkeit nachdrücklich zu pochen.«
Rechtzeitiges Handeln ist gefragt – nicht nur in Pandemiezeiten
Grundmanns eigene Position ist eindeutig: »Wenn die Wissenschaft klare Evidenzen für bevorstehende Gefahren hat, dann sollten wir auf sie hören, auch wenn es für uns gar nicht so schlimm aussieht. Ansonsten fallen wir der Truthahn-Paradoxie zum Opfer, wonach der Truthahn sagt, dass doch bislang immer alles gut gegangen ist, auch kurz bevor er in den Ofen wandert.«
In gewisser Weise führe uns die Pandemie hier in punkto Prävention im Zeitraffer vor, was uns mit der Klimakatastrophe drohen wird, wenn wir jetzt nicht entschieden handeln. Auch dies ist natürlich ein Thema, wie gemacht für Erkenntnistheoretiker:innen. Zunächst jedoch beschäftigt uns auf absehbare Zeit weiter das Coronavirus – und in vielen Punkten könnten Politik und Öffentlichkeit dabei durch stärkere Beratung durch die Philosophie profitieren.
Das gesamte Interview mit Thomas Grundmann finden Sie hier:
Die Philosophie und ihre Rolle in der Corona-Krise.Thomas Grundmann im Interview