Betrachten wir die Parteipolitik, dann ist Deutschland nicht stark polarisiert oder gespalten. Es gibt keinen Riss, keine Spaltungslinie quer durch die Mitte. Es gibt jedoch eine starke Spaltung zwischen Anhänger*innen der AfD und den Anhänger*innen aller anderen Parteien. Das ist aber keine Spaltung durch die Mitte, sondern – wenn man die Ergebnisse der Bundestagswahl 2021 als Referenz nimmt – eine 90:10-Spaltung. Dieses Bild einer Spaltung in zwei Lager, welches in den Medien zuweilen gezeichnet wird, wäre für die USA vermutlich eine Übertreibung mit wahrem Kern. Für Deutschland im 21. Jahrhundert wäre dieses Bild aber vollkommen unpassend.
Unser Land besteht nicht aus zwei, sondern aus vielen politischen Lagern. Das Land ist in den letzten Jahrzehnten parteipolitisch sehr viel vielfältiger und fragmentierter geworden. Hierzu ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, wir wählen zufällig zwei Wähler*innen in Deutschland aus. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie unterschiedliche Parteien wählen? In den 1970er und frühen 1980er Jahren lag diese Wahrscheinlichkeit noch bei circa 60 Prozent, bei den beiden letzten beiden Bundestagswahlen dann bei über 80 Prozent. Wer sich nicht aktiv abgrenzt, dem begegnen im Alltag also immer häufiger Menschen, die ihr Kreuz an einer anderen Stelle machen. Diese Zunahme der parteipolitischen Vielfalt beobachten wir in den meisten westlichen Demokratien, in Deutschland ist sie aber besonders stark ausgeprägt.
Von neutral bis positiv
Wie viel Sympathie Menschen für eine Partei aufbringen, hängt stark von der Distanz auf der Links-Rechts-Skala ab. Menschen haben tendenziell wärmere Gefühle für »benachbarte« Parteien als für Parteien, die auf dieser Skala weiter entfernt sind. In den meisten Partei-Paarungen, die nicht die AfD beinhalten, gibt es keine massive Ablehnung. Die Gefühle der Wähler*innen von CDU, CSU, SPD, den Grünen oder FDP für die anderen Parteien bewegen sich meist zwischen relativ neutral und positiv.