Was kaum jemand weiß: Diclofenac hat in Indien dazu geführt, dass Geier kurz vor dem Aussterben standen und es deswegen dort bis heute die höchste Tollwutrate beim Menschen gibt. In Indien wurden Rinder bei Gelenkbeschwerden mit Diclofenac behandelt, um ihre Arbeitskraft zu erhalten. Starben diese Tiere, kamen Geier, um das Aas zu fressen. Diclofenac ist jedoch so giftig für Geier wie Zyankali für den Menschen. Die Geier starben an Nierenversagen und verwilderte Hunde kümmerten sich dann um das Aas. Dadurch vermehrten sich die Hunde, die häufig an Tollwut litten. Das führte auch zu einer höheren Tollwutrate bei den Menschen.
Der Fall der Geier ist seit rund zehn Jahren bekannt. 2020 wurde auch in Europa ein toter Geier mit Diclofenacvergiftung aufgefunden. Es dauert lange und ist schwierig, solche Kreisläufe zu identifizieren. »Es ist noch nicht absehbar, wie viele weitere Wirkstoffe für die Umwelt giftig sind und welche Probleme wir bekommen werden «, warnt die Ärztin.
Auch bei uns in Deutschland ist Diclofenac problematisch, weil es von den Kläranlagen nicht ohne teure und aufwändige Verfahren aus dem Wasser gefiltert werden kann. Apotheken und Ärzteschaft raten deshalb, dass man die Hände nicht waschen, sondern abputzen und das Tuch im Restmüll entsorgen soll.
Kleine Anpassungen machen viel aus Es sind viele kleine Verhaltensänderungen, die einen großen Einfluss auf unsere Umwelt haben können. Beate Müller versucht, so viele Faktoren wie möglich selbst umzusetzen und an die nächste Generation von Mediziner*innen weiterzugeben. Unter Leitung des Instituts für Allgemeinmedizin wurde nun auch eine Planetary Health Report Card für die Medizinische Fakultät erstellt. Die Note: C-. Mit A als bester Note ist da noch Luft nach oben. Im Vergleich zu anderen Hochschulen im Rheinland steht die Universität zu Köln jedoch relativ gut da. Andere Universitäten liegen im Bereich der Note D. Da die Lehre einen großen Einfluss auf das Gesamtergebnis der Planetary Health Report Card hat, kam der Uni Müllers Engagement zugute.
Planetary Health Report Card – Das metrikbasierte Instrument wurde 2019 von Medizinstudierenden der University of California San Francisco (UCSF) entwickelt. Seither dient es Studierenden weltweit bei der Evaluierung ihrer Hochschulen im Bereich der »planetaren Gesundheit«. Studierende füllen in Teams und von Lehrkräften angeleitet die Berichtskarte aus und ermitteln Verbesserungsmöglichkeiten. Die Ergebnisse werden in einem jährlichen Earth Day-Bericht veröffentlicht und sollen institutionelle Veränderungen im Laufe der Zeit nachvollziehbar machen.
Des Weiteren werden die Bereiche Forschung und Nachhaltigkeit auf dem Campus bewertet. Hier besteht noch großes Potential, die Universität unternimmt aber unter anderem mit dem Forum Nachhaltigkeit bereits erste Schritte. Im Institut für Allgemeinmedizin wird Forschung zum Thema »Planetary Health« begonnen, und einige AGs im Forschungsbereich sowie klinische Bereiche engagieren sich für nachhaltiges Arbeiten.
Forum Nachhaltigkeit – Am 9. Februar 2023 and das erste Forum Nachhaltigkeit der Universität und der Uniklinik statt. Etwa 250 Personen aus allen Bereichen versammelten sich, um sich zu informieren, sich zu vernetzen und Pläne für die nachhaltige Transformation auszubauen. Eine digitale Postergalerie sowie der Vortrag von Professorin Müller.
Nachhaltigkeit in der Medizin beinhaltet nicht zuletzt viele praktische Tipps zur Anpassungsfähigkeit der medizinischen Praxen an den Klimawandel. An heißen Tagen könnten die Öffnungszeiten auf weniger heiße Stunden verlegt werden. Damit die Umwelteinflüsse der Medizin so gering wie möglich gehalten werden, braucht es Müller zufolge zudem mehr Aufklärung zur Medikamentennutzung. Oder zu den kleinen Dingen, die das Praxisteam beachten kann: Geräte ganz ausschalten und nicht im Stand-by Modus laufen lassen, Patient*innen daran erinnern, Medikamente nicht in der Toilette oder im Waschbecken zu entsorgen. Und auch das ganz persönliche Verhalten kann dazu beitragen, zumindest einen kleinen Beitrag zu leisten. So wie Beate Müller: »Um Strom zu sparen und für meine eigene Gesundheit nehme ich lieber die Treppe als den Fahrstuhl.«