Doch der sich rapide beschleunigende Klimawandel könnte alle Anstrengungen durchkreuzen, sorgen sich Ernährungsexperten in aller Welt. Extremwetter mit Stürmen, Hagel und Überflutungen, aber vor allem steigende Temperaturen und zunehmende Trockenheit in vielen Regionen sind Gift für die meisten Nahrungspflanzen, setzen sie extrem unter Stress.
Das dritte Dürrejahr in Folge zehrt auch in unseren Breiten das Land aus. Eine jüngste Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung sagt voraus, dass sich die von Wassermangel betroffenen Ackerflächen in Mitteleuropa bis Ende des Jahrhunderts fast verdoppeln – auf mehr als 40 Millionen Hektar, ein Gebiet größer als Deutschland. Eine furchteinflößende Entwicklung, findet Professor Dr. Stanislav Kopriva vom Institut für Pflanzenwissenschaften. Der Biologe ist Sprecher des Kompetenzfeldes »Food Security« an der Kölner Uni und zugleich stellvertretender Sprecher des Exzellenzclusters CEPLAS. Der Exzellenzcluster bündelt die Ressourcen und Kompetenzen der Unis in Köln und Düsseldorf mit denen des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung und des Forschungszentrums Jülich. »Wir brauchen eine zweite grüne Revolution«, ist der gebürtige Tscheche überzeugt. Und CEPLAS will in der Grundlagenforschung dafür gewichtige Beiträge liefern, so das hoch gesteckte Ziel. Anders lasse sich der Anspruch der FAO nicht einlösen, betont Kopriva, dass jeder Mensch jederzeit sicheren und ausreichenden Zugang zu Nahrung haben soll. Davon, zitiert er eine Studie, sei die Menschheit immer noch weit entfernt:
Zwei Milliarden Menschen sind demnach mangelhaft ernährt; drei Millionen Kinder sterben jährlich an der Unterversorgung.
Kohlendioxid vermindert den Nährstoffgehalt
Erschreckende Zahlen – und der Klimawandel verschärft die Situation gerade rapide. Neben Hitze und Dürre setzen neue Schädlinge und Krankheiten den Pflanzen zu. Und auch die wachsende Konzentration an Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre wird Kopriva zufolge »zum Problem«.
Zwar verbessert ein höherer CO2-Gehalt tendenziell das Wachstum der Pflanzen und erhöht auf diese Weise die Ernteerträge. Zugleich sinkt jedoch der Anteil an lebenswichtigen Proteinen und mineralischen Spurenelementen im Korn. Denn die effektivere Fotosynthese bei höherem CO2-Gehalt nutzt die Pflanze vor allem, um Stärke zu bilden – zu Lasten der anderen Nahrungsbestandteile.
Besonders Reis, aber auch Weizen, Gerste und Gemüse sind von der Verschiebung betroffen – mit dramatischen Folgen. Kopriva verweist auf Studien, wonach künftig weitere 200 Millionen Menschen zu wenige Proteine über die Nahrung erhalten könnten. Auch Eisen, Kalzium, Selen, Magnesium und etwa Zink werden zum Mangel, der Menschen erkranken lässt. Betroffen sind vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer, in denen heute schon Milliarden Menschen, darunter viele Kinder und Schwangere, beispielsweise an Blutarmut (Anämie) leiden. »Wir müssen in der Pflanzenzüchtung umdenken«, fordert Kopriva, »und statt der Kalorien die Nahrungsqualität in den Fokus nehmen.«
Große Potentiale sieht der Biologe in seinem Spezialgebiet, dem vertieften Verständnis der Interaktion zwischen den Pflanzen und den Bodenmikroorganismen. »Hier sind wir Kölner Forscher führend auf der Welt«, konstatiert er selbstbewusst.