In Sydney wurden etwa Quoten für die suburbanen Gemeinden eingeführt, die regelten, dass bestimmte Anteile mit Mehrparteiengebäuden bebaut werden mussten. Anstatt die Bebauung noch weiter in die Breite gehen zu lassen, setzten die Städte auf Nachverdichtung freier Flächen. Insgesamt ist der Anteil an hochgeschossigen Häusern und Etagenwohnungen extrem gestiegen. Der Anteil der Baugenehmigungen für freistehende Einfamilienhäuser ist von 1985 bis 2010, also dem Zeitraum, in dem diese Politik stark wirkte, in Sydney von circa zwei Drittel aller genehmigten Wohneinheiten auf unter 40 Prozent gefallen. »Da hat Australien recht konsequent gehandelt. Aber nicht nur aus den Lösungswegen, sondern auch aus den daraus entstandenen Konflikten können wir etwas lernen«, sagt Braun. Denn reibungslos verlaufen solche Änderungen in der Stadtstruktur selten. Der Spaß hört bekanntermaßen oft auf, wo es ums Geld geht. Wird in der Nähe eines Einfamilienhauses ein höher geschossiges Haus gebaut, sinkt oft dessen Wert – oder entwickelt sich zumindest nicht mehr so schnell. Dies führte in Sydney etwa zu einer Protestbewegung gegen die Politik der Nachverdichtung vor allem in den wohlhabenden nördlichen Vororten.
Nachhaltiges Bauen muss man sich leisten können
Manchmal heizen die Anstrengungen, den Klimawandel nicht noch zu befeuern, offenbar andere Konflikte an. Zwar ist nachhaltiges Bauen heute kein Spleen unter avantgardistischen Architekt:innen mehr, sondern auch in der Breite angekommen. Hochenergetische Häuser mit hoher Luftdichtigkeit und energetisch günstiger Heizungsanlage sind in vielen Neubaugebieten ganz normal. In den letzten Jahren sind zudem die Preise für die Montage von Photovoltaikanlagen stark gesunken. Und dennoch: Nachhaltiges Bauen ist etwas für Besserverdienende.
Das sieht man etwa am Freiburger Stadtteil Vauban. Lange galt die Siedlung, die auf einem ehemaligen Militärstützpunkt Mitte der 1990er Jahre entstand, als ökologisches Musterviertel: autoreduziert, gute Anbindung an den ÖPNV und kompakte Passivhäuser. Vauban war so beispielhaft, dass der damalige Freiburger Bürgermeister Dieter Salomon die Siedlung sogar als Vorzeigeprojekt auf der EXPO 2010 in Shanghai präsentierte. Die Kehrseite ist mittlerweile sichtbar, denn die Miet- und Grundstückspreise sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Sozialwohnungen, deren Preisbindung nach 10 Jahren ausläuft, waren im Viertel von vorneherein Mangelware. »Im Grunde ist das ein ökologisches Paradies für eine ökonomische Elite. Diejenigen, die sich das nicht leisten können, ziehen ins Umland«, so Braun, der über das Freiburger Beispiel geforscht hat.
Sein Fazit: Die Stadtplanung muss über den Neubau hinausdenken, also auch an den Bestand denken, und dabei Sozial-, Steuerund Verkehrspolitik mit einbeziehen. Dabei ist er vorsichtig optimistisch: »So langsam kommt man von diesem statischen Denken weg. Es wird auch die Sanierung von Bestandsbauten oder der Ausbau des Radverkehrsnetzes mitgedacht.«
Dass sich etwas tut und sich ein breites Bewusstsein für die Klimakrise in den Köpfen entwickelt, zeige auch die Diskussion, die die Eigenheimdebatte losgetreten hat. Die Aussagen von Herrn Hofreiter hätten vor 20 Jahren noch einen viel breiteren Sturm der Entrüstung nach sich gezogen, ist sich Braun sicher. Das grundsätzliche Bewusstsein, dass man angesichts des Klimawandels neue Lösungen finden muss, ist bei Stadtplaner:innen, Architekt:innen und der Bevölkerung zunehmend vorhanden. »Wenn wir das weiterführen und auch noch gute Lösungen für Bestandsbauten finden, sind wir auf einem guten Weg und brauchen den Menschen nicht den Traum von den eigenen vier Wänden nehmen«, so Braun. Mitunter kann dieser Traum ja auch in einem Mehrfamilienhaus realisiert werden – vielleicht mit begrünter Fassade, Gemeinschaftsdachterrasse und in verkehrsberuhigter Stadtlage. Und zu einem Preis, den sich auch Durchschnittsverdiener:innen leisten können.