Neue RNA-Medikamente wirken auch gegen bestimmte Formen der amyotrophen Lateralsklerose (ALS). 2014 noch machte die degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems Schlagzeilen, als sich im Zuge der »Ice Bucket Challenge« tausende Menschen mit Eiswasser übergossen und für die Erforschung der Krankheit spendeten. Wann welche Krankheit in den Fokus der Pharmakonzerne rückt, lässt sich nicht vorhersagen. Zunächst werden die Unternehmen weiter an seltenen Erbkrankheiten forschen, »die bis dato kaum adressiert worden sind und für die noch gar keine Therapie existiert«, vermutet Michal-Ruth Schweiger, Humangenetikerin und Professorin an der Universität zu Köln. Es sei absehbar, dass in Zukunft binnen eines guten Jahres eine völlig neue, auf eine Person speziell zugeschnittene Therapie entwickelt werden kann. Dabei seien auch breite Anwendungen realistisch: »Es gibt die Möglichkeit, Volkskrankheiten mit RNA-Medikamenten zu behandeln«, sagt Müller. Biontechs Daten zur Tumorbekämpfung sähen etwa vielversprechend aus und Alnylam führe bereits RNA-Studien gegen Bluthochdruck durch. Auch ein Therapeutikum gegen Cholesterinerhöhung ist bereits am Markt.
Vertrackte Biologie, starre Behörden
Doch bei allem Optimismus gibt es noch einige Hürden, die dem Siegeszug Nukleinsäure- basierter Medikamente im Weg stehen. Die größte auf biologischer Seite ist die Frage der »Drug Delivery«: Wie gelangt das Arzneimittel an die richtigen Stellen im Körper, wie erreicht es alle relevanten Zellen? Wie schafft die therapeutische RNA es beispielsweise von der Tumor-Peripherie ins Zentrum? Was tun, wenn narbiges und verhärtetes Bindegewebe den Zugang blockiert? Oder wenn sich kranke Organe plötzlich anders verhalten als gesunde? Für die Leber ist dieses Problem mittlerweile geklärt: Über bestimmte Modifikationen gelangen therapeutische RNA sicher ans Ziel, sie sind das Schmiermittel für den Akkubohrer. Die Niere verhält sich hingegen störrischer, als viele Forscher*innen hofften. An anderer Stelle, wie im Beispiel des zentralen Nervensystems, kann diese Hürde durch direkte Gabe vor Ort, also über Injektionen in Wirbelkanal und Gehirnwasser, gelöst werden. Somit könnte theoretisch nahezu jede dort ansässige Krankheit behandelt werden, für die das Ziel-Gen bekannt ist.
Das Immunsystem kann ebenfalls Ärger machen und RNA-Therapien abstoßen. Und Medikamente rufen mitunter Off-Target-Effekte hervor, sie erzielen also Wirkung an ungewollten Stellen und können dadurch für den Körper giftig werden. »Das sind zwei große Themen, bei denen es riesige Fortschritte gab und die für viele Anwendungen gelöst sind«, so Müller. Außerdem hätten auch herkömmliche Ansätze diese Probleme: Klassische Tumortherapien etwa attackieren alle Zellen in der Hoffnung, die rasch wachsenden, bösartigen schneller abzutöten als den Rest. Nukleinsäuren indes seien »per se deutlich spezifischer als bisherige chemische Substanzen«, fügt Schweiger hinzu.
Parallel zur Biologie müsse sich auch die Regulatorik bewegen, sind die beiden Mediziner*innen überzeugt. »Staatliche Zulassungsbehörden sind noch auf dem Stand, wie man früher Medikamente entwickelt hat«, so Müller, »sie können noch nicht richtig mit dem Akkuschrauber umgehen. « Das meint: Will ein Pharmaunternehmen lediglich das »Bohrer-Bit« austauschen, muss es einen komplett neuen Zulassungsprozess anstrengen, inklusive erneuter großer klinischer Studien.
CMMC SYMPOSIUM
Vom 18. bis zum 20. September 2023 richtete das Zentrum für Molekulare Medizin Köln das 37. CMMC Symposium in Molecular Medicine (ehemals Ernst-Klenk-Symposium) aus. Unter dem Titel »From Concepts to Clinic: A New Era of Nucleic Acid Therapeutics« kamen Hunderte internationale Ärzt*innen, Molekularbiolog*innen und weitere Naturwissenschaftler*innen nach Köln, um sich über den Stand der pharmazeutischen Forschung an Nukleinsäure-basierten Arzneimitteln und Therapien auszutauschen und gemeinsame Aktivitäten zu planen. Michal-Ruth Schweiger und Roman-Ulrich Müller organisierten das Symposium gemeinsam mit Markus Stoffel von der ETH Zürich.
Forscher*innen wie die niederländische Humangenetikerin Annemieke Aartsma-Rus versuchen darum, »n = 1«-Studien politisch gangbarer zu machen: also Studien, die aus einem einzigen Probanden oder einer einzigen Probandin bestehen. Daraus resultierende Medikamente wären nicht für die Allgemeinheit zugelassen, könnten aber Einzelnen vergleichsweise schnell helfen. Das Boston Children’s Hospital in den USA hat auf diesem Weg bereits zwei ASO-Medikamente kreiert, exakt zugeschnitten auf je eine Patientin.
Skepsis aus der Bevölkerung
Wieso scheinen noch so wenige RNAMedikamente auf dem Zettel zu haben? »Der Fortschritt wird unterschätzt«, meint Schweiger, »bei vielen ist noch nicht angekommen, wie weit wir schon sind.« Entscheidende Erfolge kamen in den letzten zwanzig Jahren aus der Industrie statt aus der akademischen Forschung – für Schweiger ein Anzeichen dafür, dass Gesellschaft und Politik diese Entwicklung verschlafen. Dabei wären gerade jetzt, angesichts der »Delivery«-Hürde, Hochschulen wieder gefragt, um frei von industriellen Zwängen ganz neue Lösungsansätze zu entwickeln. Im Rheinland – in Köln, Bonn, Aachen und Düsseldorf – stünden dafür »fantastische Expert*innen« bereit, so Schweiger. Zusammen mit gut zwanzig regionalen Kolleg*innen sind die Forschenden auf der Suche nach finanzieller Unterstützung, um ihre Ideen zu verwirklichen.
Bei den großen Schritten, die die Naturwissenschaften machen, muss die Gesellschaft erst einmal mitkommen. Viele werden sich noch an die Rückschläge der viralen Genersatztherapie um die Jahrtausendwende erinnern – etwa an den Tod des US-amerikanischen Jugendlichen Jesse Gelsinger nach einer Entzündungsreaktion auf eine Gentherapie zur Behandlung seiner Lebererkrankung. Das kann zu emotionalen Assoziationen führen: ›Gentherapie, Designerbabys, DNA, RNA – und ist die Corona-Impfung eigentlich wirklich sicher…?‹ Schweiger sagt, sie spüre viel Skepsis »von einer ganz breiten Schicht der Bevölkerung. Da hilft als einziges: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung! « Und auch Müller ist wichtig: »Momentan klingt alles wie ›Gentherapie‹. Man darf nicht alles in einen Topf werfen. «
Spätestens seit der COVID-19-Pandemie ist evident: Auch noch so viele Informationen und Differenzierungen können Misstrauen nicht immer auflösen. Doch das Potential der neuen Therapien im Kampf gegen viele Leiden ist enorm – und schließlich galt einst sogar als umstritten, dass winzige Lebewesen Krankheiten wie Tetanus, Tuberkulose oder Sepsis verursachen. Es bleibt also abzuwarten, dass sich die neuen Behandlungsformen durch unübersehbare Erfolge endgültig in der Breite durchsetzen.