Das Team geht von der Annahme aus, dass Sprache über den Selbstbericht des Betroffenen hinaus wichtige Hinweise auf eine Psychose geben kann. Denn Sprache ist nicht nur ein Mittel zur Kommunikation, sie bringt auch zum Ausdruck, ob die sprechende Person in der Lage ist, strukturiert zu denken. Darüber hinaus gehört zu den typischen Anzeichen einer Psychose, dass Betroffene Stimmen hören oder dass sie im Gespräch einen Themenwechsel nicht sprachlich anzeigen, sondern zwischen verschiedenen Themen hin und her springen. Somit ist der Bezug zur Sprache bereits im Krankheitsbild offenkundig.
Die Forscher*innen suchen nach Mustern, die spezifische Fehler in der Verarbeitung von Sprache ausdrücken. »Wir wollen einen linguistischen Biomarker identifizieren, der für die Gehirndysfunktion typisch ist, die zur Psychose führt«, sagt Derya Çokal, Postdoktorandin am Sonderforschungsbereich 1252 »Prominence in Language«, in dem Klaus von Heusinger zwei Projekte leitet.
Als Biomarker von Erkrankungen dienen im besten Fall Gene, Proteine oder Hormonveränderungen. Bei mentalen Erkrankungen sind sie oft nicht so konkret. Dass bestimmte Sprachfehler typisch für mentale Störungen oder Fehlfunktionen sind, ist für andere Krankheiten jedoch bereits erwiesen. »Seit dem 19. Jahrhundert gibt es Studien über die Aphasie, besonders bei Kriegsversehrten, die eine Gehirnverletzung erlitten hatten«, sagt Klaus von Heusinger. Bei dieser Krankheit können Betroffene entweder gar nicht mehr sprechen, oder aber das Gesagte ergibt keinen Sinn.
Das ist auch nach einem Schlaganfall typisch. »Die Ärzte schlussfolgerten, dass bestimmte kognitive Fähigkeiten durch bestimmte Hirnareale und ihr Zusammenspiel kontrolliert werden«, so der Linguist. Seither seien die Methoden und Fragestellungen differenzierter geworden, doch das Grundmodell treffe auf viele mentale Störungen zu. Studien über Alzheimer zeigten etwa typische Fehler im Gebrauch von Pronomen, die den Beginn der neurodegenerativen Erkrankung anzeigen.
Künstliche Intelligenz und Hightech-Geräte
Die Kölner Gruppe ist nicht die einzige, die die Psychose aus linguistischer Perspektive in den Blick nimmt, doch eine besondere Kombination von Methoden macht das vergleichsweise kleine Projekt einzigartig: Das Team sammelt Sprachproben von Patient*innen in der Frühphase einer erstmalig auftretenden Psychose sowie von einer Kontrollgruppe. Diese Konzentration auf das Frühstadium ist wichtig, um die reinen Symptome einzufangen, bevor eine Diagnose, eventuelle Krankenhausaufenthalte oder der weitere Verlauf das Ergebnis beeinflussen.
Diese Proben werden daraufhin mit großen Sprachmodellen (Large Language Models) abgeglichen. Diese Modelle beruhen auf einer großen Ansammlung von Beispielen alltäglicher Sprache durch Künstliche Intelligenzen wie ChatGPT. Sie sagen statistisch wahrscheinliche Wiederholungen von Syntax und Sprachfluss vorher und können so typische Merkmale normaler Sprache identifizieren.
Gemeinsam mit dem internationalen Projektpartner Professor Dr. Wolfram Hinzen in Barcelona hat das Team auch Sprachproben aus dem Englischen, Spanischen und Türkischen ausgewertet – nach den Kriterien des DISCOURSE-Konsortium (Consortium for Research in Thought, Language and Communication in Psychosis), sodass am Ende generalisierbare Ergebnisse standen. »Untersuchungen zur Schizophrenie haben bereits gezeigt, dass sich die Sprachstörungen immer gleichen – auch bei Sprachen mit völlig unterschiedlicher Struktur und Syntax«, sagt Çokal.
Zusätzlich werden die Hirnaktivitäten der Proband*innen per Magnetresonanztomographie (MRT) untersucht: Im Scanner hören sie eine Geschichte, deren narrative Struktur gestört ist. Diese Inkohärenz würde normalerweise Stress für die Sprachverarbeitung verursachen. Das Forschungsteam vermutet, dass die Gehirne von gesunden und psychotischen Proband*innen unterschiedlich auf diese Dissonanz reagieren, da bei der beginnenden Psychose die Netzwerke, die für Kohärenz zuständig sind, gestört sind.