Bei der Glücksspielstörung lassen sich ebenfalls Veränderungen im Dopaminsystem beobachten. Das macht das Störungsbild für Peters und sein Team besonders interessant: Warum verändert sich das Dopaminsystem, wenn es gar keine Substanz gibt? Eine Antwort könnte in der hohen Unsicherheit des Glücksspiels liegen – dem Kick des Risikos. Tiermodellstudien haben gezeigt, dass in Situationen mit hoher Unsicherheit das Dopaminsystem besonders aktiviert wird. Solchen Situationen ausgesetzt zu sein, führt bei Ratten auf physiologischer Ebene zu ähnlichen Veränderungen im Dopaminsystem wie die Verabreichung von Kokain über einen längeren Zeitraum. Die Droge und die »uncertainty exposure« (die Tiere sind einer sehr unsicheren Belohnungsverfügbarkeit ausgesetzt) haben ähnliche Effekte. »Das heißt nicht, dass die exakt gleichen Prozesse ablaufen, aber das Dopaminsystem scheint über unterschiedliche Pfade – einmal durch die Substanz und einmal über die Unsicherheit – auf ähnliche Weise verändert zu werden«, sagt Peters.
Neben dem Dopamin ist das Frontalhirn entscheidend, da es für die Verhaltenskontrolle und Handlungsplanung verantwortlich ist – Funktionen, die ebenfalls bei sucht- und substanzbezogenen Störungen beeinträchtigt sind. »Der präfrontale Kortex kann bei Entscheidungsprozessen immer noch auf das Dopaminsystem einwirken und das Verhalten beeinflussen«, sagt der Psychologe. Das ist etwa bei der Impulskontrolle wichtig: Wird eine sofortige Belohnung bevorzugt oder kann eine langfristigere, bessere Belohnung abgewartet werden? Bei Menschen mit Glücksspielstörung funktioniert diese Kontrolle meist schlechter, langfristige Handlungsplanung fällt ihnen zunehmend schwerer.
Verstecktes Glücksspiel
Peters beobachtet, dass die Grenzen zwischen Glücksspiel und anderen Spielformen zunehmend verwischen. Auch in Computerund Handyspielen finden sich mittlerweile Glücksspielelemente, etwa in der Form von Lootboxen. Eine Lootbox kann man zum Beispiel bei Onlinerollenspielen finden oder kaufen. Sie enthält möglicherweise das gewünschte seltene Schwert, mit dem man noch schwierigere Gegner in dem Spiel besiegen kann, aber eventuell auch Gegenstände, die Spieler:innen sich nicht erhoffen. »Die Unsicherheit bei Lootboxen sowie die Tatsache, dass Spieler echtes Geld dafür ausgeben, weist eine große Ähnlichkeit zum Glücksspiel auf«, sagt Peters.
Lootboxen – In Computerspielen finden sich in diesen »Beuteboxen « Gegenstände, die für das Computerspiel hilfreich sind. Doch der Fund ist nicht garantiert, sondern nur möglich. Spieler:innen bezahlen mit Spiel- oder Echtgeld also lediglich für die Chance, an die begehrten Gegenstände zu kommen.
Dass solche Glücksspielelemente ihren Weg in Computer- und Handyspiele gefunden haben, sieht er mit Sorge: »Auch bei vielen Spielen, die zum Beispiel bei Kindern im Grundschulalter beliebt sind, sind Lootboxen ein zentrales Element.« Psychologische Studien haben gezeigt, dass Computerspieler:innen, die viel Geld für Lootboxen ausgeben, auf klinischen Fragebögen zur Glücksspielstörung hohe Werte erzielen, also ein hohes Risiko haben. Auf EU-Ebene laufen deshalb bereits Überlegungen, Spielekomponenten wie Lootboxen einzuschränken. Doch noch sind sie weit verbreitet. Peters: »Fast alle großen Spiele haben in mehr oder weniger ausgeprägter Form Lootboxen.«
Der Kontext entscheidet
Um von der Störung loszukommen, benötigen Betroffene laut Peters Spielverzicht und Verhaltenstherapie. Und sie müssen fortan die Situationen meiden, die zu einem Rückfall führen könnten. Schon ein Glas Wein anzuschauen oder eine Spielothek zu betreten, kann die Dopaminausschüttung in Gang setzen. »Man weiß, gleich geht es los, gleich kommt der Kick«, sagt der Psychologe. »Wenn ein spielfreier Glücksspieler immer an den Spielhallen vorbeigeht, wo er früher gespielt hat, landet er irgendwann möglicherweise doch wieder drin. Da springt das Dopaminsystem wieder an.« Das liegt auch daran, dass Reize, die in der Vergangenheit mit einer Droge gepaart waren, sogar nach Jahren noch wirken. »Experimente mit Ratten haben gezeigt, dass allein schon der Kontext ein starkes Dopaminsignal auslösen kann.«
In aktuellen Studien erforscht Jan Peters mit seinem Team deshalb den Einfluss dieser Kontexteffekte bei Glücksspielern. Das Ergebnis: Lösen Probanden die gestellten Aufgaben in einer Spielhalle und nicht in einer neutralen Umgebung, verschiebt sich die Impulskontrolle dramatisch in Richtung von kurzfristigen Belohnungen. Die Kontrolle des Frontalhirns wird in einem Kontext, der mit der Störung assoziiert ist, ausgehebelt. Es ist also ein bisschen wie bei dem trockenen Alkoholiker, der sein Leben lang trotzdem Alkoholiker bleibt: Bei der Glücksspielstörung hilft langfristig nur strenge Spielhallenkarenz.