NACHHALTIGKEITSFORSCHUNG
"Die Zukunft ist in weiten Teilen offen"
Prof.in Dr. Martina Fuchs
Wirtschafts- und Sozialgeographisches Institut,
Fakultätsbeauftragte für Nachhaltigkeit der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Foto: Lisa Beller
Gegenwart
Was ist der entscheidende Beitrag Ihrer Disziplin zum besseren Verständnis von Nachhaltigkeit?
Die Wirtschaftsgeographie untersucht, wie nachhaltig wirtschaftliche Strukturen und Prozesse konkret vor Ort sind. Sie analysiert Nachhaltigkeitstransformationen auf lokaler Ebene und auch regional-vergleichend, etwa in der Europäischen Union. Auch interessiert sie sich für die Entstehungsbedingungen und die Ausbreitung von ökologisch ausgerichteten Innovationen und damit verbundene Transitionen. Ein weiterer Untersuchungsbereich sind globale Produktionsnetze und Wertschöpfungsketten und deren Wechselwirkung mit verschiedenen Standorten, gerade mit Blick auf Verbindungen zwischen Regionen im Globalen Süden und Norden.
Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte, und warum sind diese aus heutiger Sicht wichtig?
Meine Forschung bezieht sich in diesem Themenfeld vor allem auf die Arbeitswelt, also auf die Arbeitsbedingungen und die Kompetenzen der Beschäftigten an verschiedenen Standorten und in verschiedenen Ländern.
Welches Bild steht für Ihre Forschung im Bereich Nachhaltigkeit? Was sehen wir darauf?
Ich habe viel in Mexiko geforscht. In Mexiko, wie in anderen Ländern des Südens, ist eine sozial verträgliche ökologische Transformation eine besonders große Herausforderung. Es hat mich aber tief beeindruckt, dass ich bei meinen Befragungen in den unterschiedlichen Wohnquartieren in Mexiko immer wieder entdeckte, wie die Menschen ihr Leben in die Hand nahmen. In einer Hüttensiedlung der ärmsten Bevölkerung am Stadtrand, wo die aus ländlichen Regionen zugewanderten Menschen leben, sah ich, dass einige Menschen in gegenseitiger Hilfe eine Grundschule errichteten, damit, wie sie mir sagten, ihre Kinder es besser als sie selbst haben.
Außerdem habe ich in Siedlungen, wo Automobil- und Textilarbeiterinnen und -arbeiter wohnen, Jugendliche gebeten, zu ihrer beruflichen Zukunft Bilder zu malen.
Ein Mädchen schrieb zum Beispiel zu dem Bild, das hier zu sehen ist: „Ich möchte Meeresbiologin werden, um die verschiedenen Arten von Meeresflora und -fauna zu erforschen, da die Menschheit in großem Umfang von ihnen als Nahrungsquelle abhängig ist und dies auch in Zukunft bleiben wird. Tatsächlich gibt es aber nur sehr wenige Menschen, die sich für dieses Forschungsgebiet interessieren (...)“. Viele der befragten Schülerinnen und Schüler malten Bilder, die zeigten, wie sie sich zukünftig sozial und ökologisch nachhaltig engagieren wollten.
Vergangenheit
Was hat Sie ursprünglich dazu gebracht, zu Nachhaltigkeitsthemen zu forschen?
In den 1970er und 1980er Jahren, in meiner Jugend, waren Themen wie Umweltschutz und die „Grenzen des Wachstums“ (der Bericht des Club of Rome, 1972) schon bekannt und machten mich sehr besorgt. Zwar hat es im Laufe der Zeit Verbesserungen gegeben, etwa hinsichtlich Emissionen. Doch es bleibt weiter eine vordringliche Aufgabe, die Lebensgrundlagen langfristig zu erhalten. Das bedeutet Nachhaltigkeit: die Berücksichtigung der Bedürfnisse auch künftiger Generationen, insbesondere im Hinblick auf Klimawandel, Energie, Ressourcen, Emissionen, Biodiversität und einer sozial gerechten Transformation. Dafür setzen wir uns in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein, wo ich zurzeit als Prodekanin tätig bin.
Welche Erfahrung, Begegnung oder Beobachtung hat Ihre wissenschaftliche Perspektive besonders geprägt?
Die vielen Gespräche mit Menschen in Mexiko und anderen Ländern, in Betrieben und auch in den Haushalten. Die Empirie zeigt uns so vieles, was wir vorab theoretisch nicht erwartet haben.
Welche Annahme über Ihr Fach oder über Nachhaltigkeit hat sich seit Ihrem Einstieg verändert?
Die umweltbezogene Wirtschaftsgeographie ist mittlerweile ein etablierter und verbreiteter Forschungszweig. Als ich studierte, gab es sie erst in wenigen Ansätzen. Entsprechend sind neue theoretische Ansätze entstanden, auch interdisziplinär.
Zukunft
Welche konkreten Spuren Ihrer Forschung werden wir in der Zukunft im Alltag sehen?
Ich hoffe, dass ich bei den Studierenden und Doktorierenden einige Spuren in den Köpfen hinterlasse, und – weiter in der wissenschaftlichen Community – durch meine Publikationen. Im Prodekanat arbeiten wir zusätzlich an der strategischen Verankerung und Institutionalisierung von Nachhaltigkeitsthemen.
Was wäre aus Ihrer Sicht ein echter Erfolg Ihrer Disziplin für eine nachhaltige Zukunft?
Es wäre ein Erfolg, wenn die sozial-ökologische Nachhaltigkeit sich weiter durchsetzen könnte, auch wenn viele Regierungen heute andere Themen auf die Prioritätenliste ihrer Agenda setzen. Als Geographin hoffe ich auf sozial-ökologische Transformationen in verschiedenen Regionen im Globalen Norden und Süden.
Bei allen gegebenen Widerständen und Pfadabhängigkeiten – die Zukunft ist in weiten Teilen offen. Sie ist sowohl unbekannt als auch gestaltbar.
Der Sustainability Research Hub bedankt sich für das Interview.
Die Interviewreihe „Auf Zeitreise mit …“ stellt Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen und ihre Perspektiven auf Nachhaltigkeit vor.