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| Forschung

Im Rachen des Metal

Kölner und Leipziger Wissenschaftler untersuchen die Gesangstechnik von Extreme Metal- und Hardcore-Vokalisten

Die Techniken nennen sich Growling <link soundcloud.com/university-of-cologne/gesangstechnik-growling-3 _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">(Audiobeispiel 1)</link>, Inhale Pig Squealing <link soundcloud.com/university-of-cologne/inhale-pig-squealing _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">(Audiobeispiel 2)</link> oder einfach Screaming <link soundcloud.com/university-of-cologne/gesangstechnik-screaming-3 _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">(Audiobeispiel 3)</link> – die geräuschvolle Intonation von Death oder Black Metal-Sängern ist für viele Ohren gewöhnungsbedürftig. Unbekannt war bisher, wie die Sänger die oft unmenschlich wirkenden Geräusche produzieren. Der Kölner Musikwissenschaftler Dr. Marcus Erbe durfte hierzu erste Erkenntnisse im Rahmen einer Forschungskooperation sammeln. So verwenden die Sänger unter anderem den Schleim im Kehlkopf, um die monströsen Töne hervorzubringen. Dabei erreichen sie einen Tonumfang von dreieinhalb bis vier Oktaven – ein Ambitus, der sich mit dem professioneller Opernsänger messen kann. Die Untersuchungen wurden zusammen mit Dr. Sven Grawunder und Dr. Daniel Voigt vom Department für Linguistik des Max Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sowie Professor Dr. Michael Fuchs vom Universitätsklinikum Leipzig durchgeführt.

Im Bereich der Stimmgebung passieren bei Metal- und Hardcore-Vokalisten Dinge, die man vom herkömmlichen Gesang nicht gewohnt ist, erklärt Marcus Erbe: „Ein melodischer Gesang, bei dem die Stimme Tonhöheninformation trägt, wird durch ein mehr oder weniger geräuschhaftes Singen abgelöst.“ Bisher war diese Form des Singens aber nicht wissenschaftlich untersucht worden. <link soundcloud.com/university-of-cologne/interview-teil-1-mit-dr _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">(Audiobeispiel 4)</link> Um die Vorgänge im Stimmorgan der Sänger zu beobachten, luden Erbe und seine Kollegen sechs Vokalisten zu einem zweitägigen Vorsingen nach Leipzig ein. <link soundcloud.com/university-of-cologne/dr-marcus-erbe-zur _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">(Audiobeispiel 5)</link> Neben Frequenz- und Schalldruck-Analysen hielten die Wissenschaftler mit einer Kamera die Bewegungen im Stimmapparat der Sänger fest – nicht gerade angenehm: Ein Video-Endoskop wurde den Probanden durch die Nase in den Rachen geschoben <link soundcloud.com/university-of-cologne/dr-marcus-erbe-zur-1 _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">(Audiobeispiel 6)</link>. Nur so ließen sich die physiologischen Vorgänge während des Singens beobachten.

Was die Wissenschaftler zu sehen bekamen, war erstaunlich: „Bei der herkömmlichen Vokalproduktion schwingen unsere Stimmlippen und erzeugen den Primärschall, der dann im Mund akustisch verändert wird“, so Erbe. Beim Extreme Metal-Gesang können aber ganz andere Phänomene hinzutreten. „Einer der Probanden hat gegrowlt. Der Kehldeckel klappte hoch und fing an zu vibrieren. So etwas kann man beim normalen Singen und Sprechen nicht beobachten.“ Ebenso scheint der mitschwingende Schleim zur Rauheit des Stimmklanges beizutragen, was im klassischen Gesang vollkommen unerwünscht ist. Gleichziehen mit ihren klassischen Kollegen konnten die Metaller hingegen beim Tonumfang. <link soundcloud.com/university-of-cologne/dr-marcus-erbe-zur-2 _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">(Audiobeispiel 7)</link> Zwischen dreieinhalb und vier Oktaven umfasste er bei einigen. Marcus Erbe vermutet, dass das Training des Stimmapparates durch Growlen und Screamen für diese Leistung verantwortlich sein könnte: „Das Growling rangiert ganz unten im Frequenzspektrum, während man beim Screamen in äußerst hohe Lagen vordringt. Dass die Vokalisten lernen, ihre Stimme zwischen diesen Extrempunkten ständig neu einzustellen, mag zur Flexibilisierung des gesamten Apparates jenseits einer herkömmlichen Ausbildung beitragen.“

Die Wissenschaftler aus Köln und Leipzig haben mehrere Gigabyte an Datenmaterial, die jetzt systematisch ausgewertet werden müssen. Da fast alle Sänger aus diesem Bereich die Techniken autodidaktisch erworben haben, ist zu prüfen, ob sich jeder von ihnen vergleichbarer Strategien bedient und welche organischen Prozesse für die Tonerzeugung ausschlaggebend sind. Für die gängige Auffassung, dass diese Form des Singens stimmschädigend sei, konnte das Forscherteam bislang übrigens keine Anhaltspunkte finden. Bei den langjährig aktiven Sängern hätten sich keinerlei Schäden an den Stimmbändern gezeigt.


Bei Rückfragen:    

Musikwissenschaftliches Institut der Universität zu Köln
Abteilung für Musik der Gegenwart
Dr. Marcus Erbe
0221/470-3802
<link m.erbe@uni-koeln.de - fett>m.erbe@uni-koeln.de</link>

Audio:    <link soundcloud.com/university-of-cologne/trailer-park-sex-got-no-candy _blank external-link-new-window "Opens external link in new window">Trailer Park Sex: Got no Candy (Auszug)</link>