Wenn älteren Menschen der Mietvertrag oder Behördenbriefe Kopfzerbrechen bereiten, sorgt die Senioren-Rechtshilfe Köln e.V. für eine Lösung. Studierende der Rechtswissenschaften helfen ehrenamtlich bei rechtlichen Fragen – und manchmal auch darüber hinaus.
Von Eva Schissler
Wenn am Donnerstagvormittag im Büro der Senioren-Rechtshilfe Köln e.V. in der Bernhard- Feilchenfeld-Straße 9 das Telefon klingelt, wissen die Jura-Studierenden am Ende der Leitung nie so genau, mit was für einem Problem sie nun konfrontiert werden. Möglicherweise droht einem alten Menschen der Wohnungsverlust.
Bei den allermeisten Fällen geht es um Fragen des Miet- oder Erbrechts. Etwa, wie ein Mietmangel geltend gemacht oder ein Testament aufgesetzt werden kann. Es hat aber auch schon eine ältere Dame angerufen, die gar kein rechtliches Problem hatte, sondern jemanden für die Pflege ihres Gartens suchte. Auch ihr wurde geholfen: das Team vermittelte den Kontakt zu einem Bürgerverein.
Nicht nur Oma und Opa helfen
Nina Stolzenberg engagiert sich seit 2020 bei der Senioren-Rechtshilfe Köln (SRK) und ist heute Erste Vorsitzende des Vereins. Sie und die circa siebzig weiteren aktiven Mitglieder möchten möglichst jedem helfen, der sich bei ihnen meldet. Im Schnitt kann das Team ein bis zwei neue Anliegen pro Woche annehmen. Nach der telefonischen Kontaktaufnahme vereinbaren sie einen Termin in den Räumen des Vereins in Köln-Zollstock, um das rechtliche Problem genauer zu besprechen – sofern der Mandant oder die Mandantin noch mobil ist.
Bereits vor ihrem Studium in Köln hatte Stolzenberg in ihrem Heimatort bei der Tafel ausgeholfen. Der Altersdurchschnitt der Ehrenamtler*innen dort betrug 68 Jahre. So erlebte sie hautnah die alltäglichen rechtlichen Probleme älterer Menschen mit. Oft verfügten sie nicht über die notwendigen Ressourcen oder digitalen Kompetenzen, um eine Lösung für ihr Problem zu finden. Auch bei der Arbeit in der SRK stellt sie immer wieder fest: Schon bei der Internetsuche nach einer Anwaltskanzlei scheitert es oft. Besonders betroffen sind von Armut gefährdete Senior*innen in Deutschland, immerhin fast 20 Prozent der Menschen ab einem Alter von 65 Jahren.
Studierende können sich ab dem ersten Semester bei der SRK einbringen. »Viele unserer Mitglieder sehen bei ihren Großeltern, dass diese sich mit rechtlichen Fragen schwertun – und kommen zu dem Schluss, dass sie auch denen helfen wollen, die vielleicht keine Enkel haben«, sagt Nina Stolzenberg. Doch neben dem sozialen Aspekt bietet die Senioren-Beratung den Studierenden auch wertvolle Praxiserfahrungen. Die Gesprächssituation vermittelt die menschliche Seite der Arbeit als Anwältin oder Anwalt und bereitet auf das Referendariat vor. Neben dem sehr theoretischen Studium ist die Arbeit im Verein also eine willkommene Möglichkeit, mit Mandanten und ihren konkreten Problemen direkt in Kontakt zu kommen. Die Vereinsmitglieder lernen, wie sie ein juristisches Schreiben allgemeinverständlich aufsetzen und das im Studium erworbene Wissen praktisch anwenden.
Eine erste Anlaufstelle
Es war nicht leicht, diese Art von kostenloser Rechtshilfe überhaupt auf die Beine zu stellen. Rechtlich beraten darf in Deutschland nämlich nur, wer als Volljurist*in das zweite Staatsexamen bestanden hat. Ab 2014 legten die Kölner Studierenden dennoch den Grundstein für den ersten Senioren- Rechtshilfeverein Deutschlands. Bis heute sind sie die einzigen, die sich speziell auf diese Gruppe von Mandant*innen spezialisiert haben. Nach einigen Diskussionen mit Gerichten und Behörden konnten sie 2016 endlich loslegen. Der Kompromiss: Jedes Gutachten, das die Kölner Studierenden verfassen, wird noch einmal von einem Volljuristen oder einer Volljuristin geprüft. Heute übernehmen über fünfzehn Anwält*innen die Prüfung der studentischen Gutachten – ebenfalls ehrenamtlich. Nur zu Steuer- oder Strafrecht dürfen die Vereinsmitglieder nicht beraten.
»Wir sind oft eine erste Anlaufstelle für die älteren Menschen. Unsere Aufgabe ist zum Beispiel, ihnen die Hemmungen zu nehmen, zur Polizei oder zum Amt zu gehen, um ihr Anliegen zu lösen. Oft begleiten wir die Senior*innen bei solchen Gängen«, sagt Nina Stolzenberg.
Über die Jahre ihres Engagements sind Nina Stolzenberg schon viele Geschichten und Schicksale begegnet. Da war etwa der Fall eines Senioren aus Kanada, dem aufgrund seiner vielen Schufa-Einträge für eine gewisse Zeit die Ausreise aus Deutschland in sein Heimatland verweigert wurde. Am Ende gelang sie doch – trotz der rechtmäßigen Einträge. Oder der Fall einer älteren Dame, die regelmäßig anrief und ihre Angst äußerte, die Caritas würde versuchen, an ihr Eigentum zu gelangen. Irgendwann befürchtete sie auch, die Studierenden der Rechtshilfe könnten selbst Agenten der Caritas sein. »So ein Anliegen behandeln wir natürlich anders. Aber wenn die Frau keine Hilfe bräuchte, würde sie nicht den Kontakt zu uns suchen«, so Stolzenberg. Das Team nahm Kontakt zum Betreuungsgericht auf, damit die Frau die Hilfe bekommen kann, die sie benötigt.
Häufiger sind die Fälle, in denen die Studierenden gemeinsam mit den Hilfesuchenden etwa eine Anwaltskanzlei finden, die barrierefrei ist. Stimmen das Rechtsgebiet und die Erreichbarkeit – und am besten auch die Google-Rezensionen – ist oft jemand aus dem Team bereit, dem Mandanten oder der Mandantin auch bei dem Vor-Ort-Termin beizustehen. »Es ist schön, jemandem zu helfen, der vielleicht nicht viele Mittel hat. Das geht nicht nur mir so, das melden auch andere Vereinsmitglieder zurück«, sagt Nina Stolzenberg. »Bei einem sehr theorielastigen Studium wie Jura ist es gut, diesen menschlichen Bezug nie aus dem Blick zu verlieren.«