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Archäologie Geschichte

Zettelwirtschaft mit System

Das Kölner Institut für Altertumskunde beherbergt über 20.000 Papyrus-Fragmente aus dem antiken Ägypten.

Die Kölner Papyrussammlung besticht allein durch ihre Größe. An die 20.000 der beschrifteten Fragmente lagern im Kölner Institut für Altertumskunde. Von der Entwicklung der Geschlechterrollen bis zum Umgang mit Haustieren vermitteln die Texte ein unverstelltes Bild des Alltags im antiken Ägypten. 

Von Eva Schissler 

Ein klimatisierter Raum im Philosophikum der Universität zu Köln. Charikleia Armoni öffnet einen Holzschrank und holt einen Plexiglaskasten hervor. Hinter den Scheiben: eine ägyptische Mumienmaske. Die Farbreste lassen die einst prächtige Bemalung erahnen. Die Maske ist allerdings nicht aufgrund ihrer Schönheit Teil der Kölner Papyrussammlung. Bei genauerem Hinsehen tritt noch etwas anderes hervor: Schriftzeichen in den tieferen Schichten, die nicht eindeutig zu erkennen sind. 

Die Maske ist aus vielen Papyrusschnipseln gefertigt, einer Art antikem Pappmaché. »Papier war damals kein Massenprodukt. Bestatter zogen durch das Land und kauften Textarchive als Altpapier auf. Dieser ›Rohstoff‹ diente dann zur Mumifizierung«, sagt Armoni. Die Professorin für Papyrologie und Kustodin der Kölner Papyrussammlung brennt darauf zu erfahren, was auf diesen Papyri steht. Bislang hat sie jedoch noch keinen Weg gefunden, an die inneren Schichten zu gelangen. Sie hofft auf eine technische Lösung, die Maske zu durchdringen, ohne sie zerstören zu müssen.

Die Papyrussammlung der Universität zu Köln umfasst circa 20.000 Artefakte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts für Altertumskunde entziffern, übersetzen und kommentieren die einzelnen Stücke. Erst diese Erschließung ermöglicht im Anschluss historische oder linguistische Untersuchungen. Neben Papyri enthält die Sammlung auch andere »Datenträger«, zum Beispiel Tonscherben. In Deutschland verfügen nur das Ägyptische Museum in Berlin und die Universität Heidelberg über noch größere Sammlungen. Das macht die Kölner Papyri auch zu einer der größten und bedeutendsten Sammlungen weltweit.  

Eine Folge des Zweiten Weltkriegs

Der größte Teil der Sammlung entstand in den 1950er und 60er Jahren. In der Nachkriegszeit war die große Museumssammlung in Berlin beschädigt und kaum noch zugänglich. Der Latinist und zweimalige Universitätsrektor Josef Kroll sowie der Gräzist Reinhold Merkelbach hatten den Anspruch, das Studium der Papyrologie in der Bundesrepublik wieder möglich zu machen und trugen in Köln über die nächsten Jahrzehnte eine Vielzahl bedeutender Stücke zusammen. In den 1970er Jahren stellte die Nordrhein- Westfälische Akademie der Wissenschaften weitere Finanzmittel zum Erwerb von Papyri zur Verfügung. So wuchs die Sammlung und beheimatet heute viele unvergleichliche Objekte. 

Das bekannteste Stück: der Mani-Kodex 

Das »kleinste Buch der Antike« ist gleichzeitig die einzige erhaltene Ausgabe des Religionsbuchs der Manichäer in griechischer Sprache. Es stammt aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. Der Text enthält die Lebensgeschichte des »kleinen Mani«, des Religionsstifters, der sich neben Jesus auch auf den Buddha und auf Zarathustra berief. 

Als Weltreligion rund um das Mittelmeer war der Manichäismus eine ernste Konkurrenz für das frühe Christentum. Als das Römische Reich ab dem Jahr 313 die Christen nicht mehr verfolgte, drängten sie ihrerseits die Manichäer entlang der Seidenstraße bis in den Norden Chinas zurück. Heute existiert die Religion nicht mehr. 

Die Kölner Forschenden fragen sich: Warum ist das Buch mit seinen Maßen von nur 3,5 mal 4,5 Zentimetern so klein? Eine Theorie besagt, dass der Besitzer ein so kleines Buch auch in einer Zeit, in der die Religionsgemeinschaft schon verfolgt wurde, trotzdem bei sich tragen konnte. Eine andere besagt, dass er oder sie es als Talisman bei sich trug, denn die Schrift ist viel zu klein, als dass man sie mit bloßem Auge lesen könnte.
 
Trotz der winzigen Schrift sind die Buchstaben sehr gleichmäßig und ordentlich. Wie das gelang, ist unklar, denn ein Vergrößerungsinstrument wie die Lupe wurde erst später entwickelt. 

In der Nachkriegszeit waren Papyri noch frei in Antiquariaten verkäuflich. Im Jahr 1973 akzeptierte Ägypten jedoch die UNESCO-Konvention von 1970 gegen die illegale Ausfuhr von Kulturgütern. Das verhinderte, dass das Land weitere wertvolle historische Gegenstände verlor. Seither muss jeder Händler nachweisen, dass der zum Verkauf angebotene Papyrus bereits vor dem Inkrafttreten der Konvention aus Ägypten ausgeführt worden war. Dies hält Armoni für absolut gerechtfertigt: »Durch den illegalen Handel von Artefakten werden die Herkunftsländer ihrer Kulturgüter beraubt. Außerdem ist bei dem unregulierten Verkauf der Papyri der genaue Fundort für viele Objekte nicht mehr nachvollziehbar. Ohne Kenntnis des Fundumfeldes gehen wertvolle Informationen verloren.« Einmaliger Zugang zur Alltagsgeschichte

Die meisten Papyri stammen aus dem ägyptischen Inland und aus einer Periode, die mit der ptolemäischen Herrschaft beginnt. Alexander der Große hatte Ägypten im Jahr 332 v. Chr. erobert. Nach seinem frühen Tod übernahm infolge der Diadochenkriege sein General Ptolemaios I. die Herrschaft und begründete eine Dynastie. So begann die makedonisch-griechische Epoche in Ägypten. Mit ihr hielten die hellenische Kultur und die griechische Sprache Einzug. Als die Römer die Herrschaft übernahmen, behielten die neuen Machthaber diese Amtssprache weitgehend bei. Das erklärt, warum fast alle Papyri in der Kölner Sammlung auf Altgriechisch verfasst sind. Die griechischrömische Herrschaft, die immer wieder durch ägyptische Aufstände und Bürgerkriege herausgefordert wurde, endete im 8. Jahrhundert mit der arabischen Eroberung.

Dass die Papyri nur im Inland erhalten geblieben sind, liegt an den klimatischen Bedingungen: Nur dort war es trocken genug. In Alexandria, der ersten Megacity des Altertums, ging dieser Schatz aufgrund des feuchten Meeresklimas verloren. Die Papyri sind ein wertvoller – oft sogar der einzige – Zugang zum alltäglichen Leben der griechisch-römischen Antike. Armoni: »Durch die Papyrologie können wir etwa erfahren, wie eine Kirche im frühen Christentum organisiert war. Darüber spricht kein bekannter literarischer Text aus der Zeit, weil deren Verfasser es als nicht wichtig genug einschätzten, diese Dinge für die Nachwelt festzuhalten.«

Diesen Wert der Papyri erkannten Altertumsforscher erstmals im 19. Jahrhundert. Die ersten Entdeckungen offenbarten viel an Informationen, doch oft konnten sie nur durch internationale Kooperation entschlüsselt werden: Während eine Institution ein Fragment besaß, hatte eine andere womöglich eins, das den Text vervollständigte und den Inhalt offenbarte. So entstand die amiticia papyrologorum, die Freundschaft der Papyrologen. »Ohne die funktioniert gar nichts«, sagt Charikleia Armoni. 

Eine frohe Botschaft

In diesem Privatbrief aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. beglückwünscht ein Soldat eine ihm bekannte Familie zur Geburt eines Kindes. Besonders interessant ist die Begrifflichkeit: Der Autor verwendet den altgriechischen Begriff »Evangelion«, oder »gute Nachricht«. Dass dieses Wort schon drei Jahrhunderte vor der Geburt Christi für einen solchen Anlass verwendet wurde, war bis zu diesem Fund nicht bekannt. 

Noch bemerkenswerter ist, dass das Kind ein Mädchen war. In der griechischen Kultur galt die Geburt eines Mädchens nicht als Anlass zu besonderer Freude. Eine Frau konnte ohne Erlaubnis ihres »Kyrios« (ihres »Besitzers «, eines männlichen Familienmitglieds) nicht vor Gericht aussagen oder einen Vertrag unterschreiben. In der ägyptischen Gesellschaft genossen Frauen jedoch eine höhere Stellung und mehr Freiheitsrechte: Sie konnten selbst Geschäfte abschließen. 

Der Soldat, der den Brief schrieb, war Grieche. Der Papyrus zeigt, dass die ägyptischen Geschlechterverhältnisse offensichtlich einen Einfluss auf die griechische Kultur im ptolemäischen Ägypten hatten. Somit sah auch er die Geburt eines Mädchens als freudiges Ereignis an – eben als »Evangelion «. 

Da die meisten Texte nicht für die Nachwelt verfasst waren, zeichnen sie ein ungeschminktes Bild des Alltags. Sie offenbaren, wie öffentliche Behören funktionierten, mit welchen Mitteln die griechischen Besatzer Volksaufstände beendeten, oder dass erstaunlich viele Menschen im ptolemäischen Ägypten lesen konnten und gerne – ähnlich wie wir heute – spannende Romane lasen. »Mich interessieren besonders die dokumentarischen Texte«, sagt Armoni. Als Gräzistin hatte sie sich während ihrer frühen Karriere mit Sophokles und anderen ›hohen‹ Texten der Antike beschäftigt. Mit der Kölner Papyrussammlung eröffnete sich ihr eine ganz neue Welt. »Allein die altgriechische Alltagssprache kennenzulernen war eine Offenbarung, denn die Menschen haben ja nicht so gesprochen, wie Platon geschrieben hat.«

Zu diesen dokumentarischen Texten, die für die historische Forschung besonders wertvoll sind, gehören Schreiben auf Papyrus oder Tonscherben, die die Details des Verwaltungslebens betreffen und zeigen, wie ein antiker Staat organisiert war. Um diese Fragen im Detail zu erforschen, finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft aktuell das Langzeitprojekt CPAP (Corpus der griechischen Papyrustexte administrativen Inhalts aus dem ptolemäischen Ägypten) über zwölf Jahre, das die Kölner Papyrologen zusammen mit Kolleginnen und Kollegen der Universität Halle-Wittenberg durchführen.

Die Sammlung erhalten – eine Daueraufgabe

Heute ist die Kölner Papyrussammlung vollständig digitalisiert. Damit ist der historische Fundus für Forschende weltweit einsehbar. Dennoch sind die physischen Objekte für Charikleia Armoni unersetzbar. Bei so vielen Artefakten ist es jedoch nicht einfach, den Bestand zu erhalten. Ein Restaurator oder eine Restauratorin müsste sich dauerhaft um die Stücke kümmern. Denn auf eine Sache ist die Papyrologin besonders stolz: »In Köln können Studierende die Papyri, die hinter Glas- oder Plexiglasscheiben geschützt sind, tatsächlich in die Hand nehmen. Das ist unsere besondere Kölner Schule, das kann man nicht überall.«

Durch die Digitalisierung sind die Inhalte nicht in Gefahr, verloren zu gehen. Doch die antiken Artefakte haben zweitausend Jahre und mehr überstanden. Da verdienen auch sie ein bisschen Extrabehandlung. 

Eine Unschuldsbehauptung 

Im »Kätzchenpapyrus« aus dem Jahr 202 v. Chr. beschreibt ein ägyptischer Priester einen herben Verlust: Er habe in seinem Haus vier kleine Kätzchen gehabt, die er sehr geliebt und mit Milch aufgezogen hatte. Doch eines Tages sei ein Kater in den Hof gestürmt, hätte die Kätzchen auf die Straße gezerrt und getötet. 

Die Form des Schriftstücks ist die einer Petition, einer offiziellen Eingabe an staatliche Behörden. Doch wieso macht dieser Priester eine solche Meldung, warum sollte der Vorfall die Polizei interessieren? 

Als Personifizierung der Göttin Bastet, der katzenförmigen Tochter des Sonnengottes Re, waren Katzen im alten Ägypten heilig. Wer Katzen umbrachte, hatte schwere Strafen zu befürchten. Der Priester hatte Angst, dass jemand ihn verleumden könnte und versuchte, sich durch seine eigene Darstellung des Vorfalls vorbeugend zu schützen. 

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