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Physik Quantum Matter and Materials

Zellen in lebende Laser verwandeln

Kölner Forschende schaffen mithilfe der Quantenphysik neuartige Displays – mit Mischteilchen aus Licht und Materie.

Am Humboldt Centre for Nano- and Biophotonics gehen Kölner Forschende der Frage nach, wie wir von organischen Lichtquellen profitieren können. Und sie schaffen mithilfe der Quantenphysik völlig  neuartige Displays – mit Mischteilchen aus Licht und Materie. 

Von Jan Voelkel

Das Licht im abgedunkelten Raum erinnert an Star Wars Filme. Rot, grün und blau leuchten Laserstrahlen über eine Art Werkstatttisch, auf dem eine komplizierte Anordnung von Spiegeln und Messgeräten montiert ist, die die Strahlen von rechts nach links und über Eck ablenken und einfangen. Die Apparatur befindet sich allerdings nicht in einer weit entfernten Galaxie, sondern im Kölner Department für Chemie und Biochemie.

Am Humboldt Centre for Nano- and Biophotonics (HCNB), der Wirkungsstätte von Malte Gather und seinem Team, wird erforscht, wie Licht gezielt gesteuert und genutzt werden kann. Für diese Forschung kam Gather 2019 mit einer Humboldt- Professur von der schottischen University of St Andrews nach Köln. Das Programm der Alexander von Humboldt-Stiftung holt Spitzenforscher*innen nach Deutschland, die bisher im Ausland tätig waren. 

Seither verfolgt Malte Gather eine ganze Reihe neuer Forschungsansätze, die in nahezu allen Lebensbereichen Anwendung finden können: In Smartphonedisplays, medizinischen Instrumenten oder der Mikroskopie und Sensorik ist der gezielte Einsatz von Licht essenziell, aber alles andere als simpel. Es gibt Hürden, die sich bislang nur schwer überwinden lassen, sodass manche Forschungsfelder klingen, als wären sie tatsächlich einem Filmdrehbuch entnommen.

Zum Beispiel lebende Laser. Auf diesem Gebiet ist Gather ein Pionier. Er war einer der ersten Wissenschaftler, dem es gelang, in lebenden Zellen Laserstrahlung zu erzeugen, und erhielt dafür 2013 sogar einen Eintrag ins Guinnessbuch der Weltrekorde. Seitdem haben Gather und zahlreiche andere Gruppen weltweit die anfänglich komplizierten und wenig praktischen lebenden Laser zu einer nützlichen Technologie weiterentwickelt. 

Der Schlüssel liegt in mikroskopisch kleinen Kugeln oder Scheiben, sogenannten Mikroresonatoren, in denen Licht gefangen und vielfach verstärkt werden kann. Werden diese Mikroresonatoren in eine Zelle eingebettet, beginnt die Zelle nach Anregung durch einen externen Lichtpuls zu lasern. »Wir machen die Zelle selbst zur Lichtquelle – und das mit einer Präzision, die klassische Fluoreszenzverfahren übertrifft«, sagt Gather. Der Mikroresonator sendet Licht einer einzelnen Wellenlänge aus, ganz wie ein technischer Laser. Die Laseremission aus lebenden Zellen funktioniert dabei erstaunlich stabil und zielgenau.  

Der Clou: Die Laseremission ist bei jeder Zelle individuell und kann daher als »optischer Fingerabdruck« genutzt werden. Die Vision dahinter ist, dass die Laser tief in biologischem Gewebe mit hoher Auflösung einzelne Zellen markieren und ihre Aktivität verfolgen können. Juniorprofessor Dr. Marcel Schubert entwickelt dieses Konzept am HCNB derzeit gezielt weiter, unter anderem um unser Verständnis der Kontraktion von Herzmuskelzellen zu verbessern. Dabei werden die Laserpartikel als Sensoren verwendet, wobei kleinste Änderungen der Zellen eine minimale, aber messbare Änderung der Farbe des Laserlichts hervorrufen.

Eine Frage der Kraft

Biologische Zellen üben ständig Kräfte auf ihre Umgebung aus, die in Größe, räumlicher Verteilung und zeitlicher Entwicklung stark variieren können. Diese Kräfte sind entscheidend für viele Prozesse wie Zellwachstum, Gewebebildung, Wundheilung und das Eindringen von Krebszellen in gesundes Gewebe. Genaue Beobachtungen zellulärer Kräfte können daher auch für die Medizin von großem Interesse sein, etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente oder der klinischen Diagnostik.

Um zu verstehen, wie sich zelluläre Kräfte auf die Mikroumgebung auswirken, müssen sie jedoch mit ausreichender örtlicher und zeitlicher Auflösung abgebildet werden, in manchen Fällen kontinuierlich über mehrere Tage. Auch wenn es in den vergangenen Jahren Fortschritte gab, wurden die bestehenden Methoden diesen Anforderungen noch nicht gerecht. »Aufbauend auf dem ursprünglichen Zelllaserkonzept haben wir eine Methode entwickelt, um die von Zellen ausgeübten mechanischen Kräfte mit bisher unerreichter Empfindlichkeit zu untersuchen«, sagt Gather.

Die Methode basiert auf der sogenannten Dünnschicht-Interferometrie, der Messung von Überlagerungen von Lichtwellen. Diese Überlagerungen können dazu führen, dass bestimmte Wellen verstärkt oder abgeschwächt werden, je nachdem wie stark eine Zelle auf das darunterliegende Substrat drückt. Es ist ein bisschen wie bei einer Seifenblase, an deren Oberfläche Licht reflektiert wird und bei der das Schimmern der verschiedenen Farben durch unterschiedliche Dicken des hauchdünnen Seifenwasserfilms hervorgerufen wird. »Unsere Methode hat den Vorteil, dass sie letztlich sehr einfach, robust und gleichzeitig schonend für die Zellen ist«, erklärt Gather.

So konnte das Team beispielsweise die Kraftdynamik von mikrometergroßen Ausstülpungen untersuchen, die beteiligt sind, wenn Krebszellen in umliegendes Gewebe eindringen und deren mechanische Kräfte bisher nicht mikroskopisch analysiert werden konnten. Außerdem beobachteten sie mit der neuen Methode detailliert Veränderungen der ausgeübten Kräfte von Podozyten, spezialisierten Nierenzellen, während einer Nierenverletzung. Was bislang nur in der Petrischale funktioniert, wollen Gather und sein Team auch als kommerzielles System weiterentwickeln, das zukünftig zum Beispiel beim Wirkstoff-Screening in der Medikamentenforschung zum Einsatz kommen könnte.

Innovationen entstehen im Team

Was das Humboldt Centre for Nano- and Biophotonics für Gather ausmacht, ist die gemeinschaftliche Forschungskultur und die große und auch räumlich enge Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen. Physik, Chemie und Biologie treffen dort aufeinander. Auf diese Weise habe das Zentrum das Potential, sich als Katalysator für neue Ideen und auch als Nährboden für hochkollaborative Nachwuchsforschungsgruppen zu etablieren. 

Für das Centre konnte Gather auch einige Kolleg*innen von seiner früheren Wirkungsstätte, der University of St Andrews, nach Köln locken. Ein Kollege, der bereits in Schottland ein Wegbegleiter war, ist Dr. Andreas Mischok. Der Physiker hat sich der Filter- und Displaytechnologie verschrieben und ist mit seiner Forschung auf dem besten Weg, den Stand der Technik einen  entscheidenden Schritt weiterzubringen.

Denn sowohl optische Filter als auch Displays, wie etwa Bildschirme von Handys oder Fernsehern, haben ein grundlegendes Problem – die sogenannte Winkelstabilität. Wenn Licht schräg durch einen optischen Filter hindurchtritt, verändert sich die Farbe oder Intensität des durchgelassenen Lichts im Vergleich zum geraden Lichteinfall. Im Alltag kannte man dieses Phänomen von Laptopbildschirmen, die bei schräger Betrachtung ein dunkles und manchmal farbinvertiertes Bild zeigten. In Smartphonedisplays oder Computermonitoren wird das Problem heute weitgehend unterdrückt, allerdings auf Kosten der Energieeffizienz und Farbsättigung des Bildschirms. Was am Handy nur lästig ist, ist für andere Anwendungen und Geräte, die extrem präzise arbeiten müssen, auch heute noch ein echtes Hindernis. 

Der von Mischok und dem Team des Humboldt Centre entwickelte neue Lösungsweg macht sich ein Prinzip aus der Quantenmechanik zunutze – die sogenannte Licht-Materie- Kopplung. Bei starker Kopplung von Lichtteilchen an die Energiezustände eines organischen Materials entstehen sogenannte Polaritonen. »Polaritonen sind hybride Teilchen, halb Licht, halb Materie«, erklärt Mischok. »Sie besitzen Eigenschaften, die ganz neue Möglichkeiten für die optische Kommunikation, Sensorik und Bildgebung eröffnen.« In dem neuen Ansatz bringen die Wissenschaftler*innen organische Farbstoffe in optische Filter ein, die Licht stark absorbieren. Dies führt zu einer starken Kopplung des einfallenden Lichts mit den Farbstoffen. Das Resultat taufte das Team am HCNB »Polariton-Filter«, ein neuartiger Filter, der eine beeindruckende Winkelstabilität erreicht.

Satte Farben aus allen Blickwinkeln

Die Herangehensweise ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie Filter entworfen und hergestellt werden. »Eigentlich möchte man jegliche Art von Absorption in optischen Spektralfiltern vermeiden, um deren optische Qualität nicht zu beeinträchtigen. Wir nutzen hier jedoch stattdessen gezielt die Lichtabsorption von organischen Materialien aus, um winkelstabile Polaritonfilter mit exzellenten Eigenschaften zu erzeugen«, sagt Mischok. Neben der Integration der Filter in Sensoren, wie sie beispielsweise in der Abstandmessung beim autonomen Fahren genutzt werden, stehen Anwendungen in der Displaytechnologie im Zentrum zukünftiger Arbeiten von Mischok. Hierfür wird das Prinzip der Licht-Materie-Kopplung auf organische Leuchtdioden, sogenannte OLEDs (organic light-emitting diodes) übertragen.

Während OLEDs längst den Markt für Bildschirme erobert haben, stehen sowohl die Industrie als auch die Wissenschaft bei der nächsten Generation von Geräten mit noch höherer Farbsättigung, Helligkeit und Effizienz vor mehreren Herausforderungen. Die organischen Moleküle, aus denen OLEDs hergestellt werden, weisen breite Emissionsspektren auf. Das bedeutet, dass sie Licht über einen großen Wellenlängenbereich aussenden. Diese Eigenschaft schränkt den verfügbaren Farbraum und die Farbsättigung für High-End-Displays ein. »Durch Farbfilter oder optische Resonatoren können die Emissionsspektren von OLEDs künstlich verschmälert werden, um diese Problematik zu umgehen. Das geht jedoch entweder auf Kosten der Effizienz oder führt zu einer starken Abhängigkeit der wahrgenommenen Farbe vom Betrachtungswinkel «, erläutert Mischok.

Um dieses Problem zu lösen, fügten die Forscher*innen in die OLED-Struktur einen separaten dünnen Film aus stark lichtabsorbierenden Molekülen hinzu. Die zusätzliche Schicht maximierte den Effekt der starken Kopplung, ohne jedoch die Effizienz der licht-emittierenden Moleküle in der OLED wesentlich zu verringern. »Durch die Erzeugung von Polaritonen können wir einige der vorteilhaften Eigenschaften von Materie auf unsere OLEDs übertragen – unter anderem ihre deutlich geringere Winkelabhängigkeit, sodass der Farbeindruck eines Displays aus jeder Perspektive gleich gut bleibt«, so Mischok.

Neugier lohnt sich

Zwar gab es in der Vergangenheit bereits Berichte über OLEDs auf der Basis von Polaritonen, doch zeigten diese eine sehr geringe Effizienz und Helligkeit. Für praktische Anwendungen waren sie nicht zu gebrauchen und blieben daher eher eine Kuriosität der Grundlagenforschung. Mit der neuen Strategie ist es dem Team nun gelungen, Polaritonen-basierte OLEDs mit anwendungsrelevanter Effizienz und Helligkeit zu realisieren. Malte Gather und Andreas Mischok sind überzeugt, dass die Polaritonen-basierten OLEDs mit deutlich verbesserter Farbsättigung und Farbstabilität nicht nur für die Displayindustrie von großem Interesse sind, sondern auch für eine Vielzahl von Anwendungen genutzt werden können – von Lasern bis hin zum Quantencomputing.

»Diese Arbeit zeigt mir, dass es wichtig ist und sich oft auch lohnt, sich aus reiner wissenschaftlicher Neugier mit noch offenen Fragen zu beschäftigen«, erläutert Gather die Philosophie seines Labors. Allen Arbeiten ist gemein, dass sie zwar vielfach praktischen Einsatz finden, dies aber oft nicht der ursprüngliche Antrieb ist. »Unsere Arbeiten und Erkenntnisse führen häufig zu neuen Anwendungen, aber am Anfang steht eher die Frage, wie Dinge eigentlich grundlegend funktionieren und ob bestimmte Dinge in unseren Experimenten überhaupt möglich sind.«

Neben all der wissenschaftlichen Präzision und fachlichen Expertise sind die Arbeiten von Gather und seinen Mitarbeitenden damit ein Plädoyer fürs Um-die-Ecke-Denken, für Kreativität und für den Forschergeist, der hinter allen Innovationen steckt.  


INFO
Das Humboldt Centre for Nanoand Biophotonics (HCNB) entstand im Rahmen von Malte Gathers 2019 verliehener Alexander von Humboldt-Professur. Gather und sein Team konnten seither bedeutende EUFörderungen einwerben, darunter einen ERC Advanced Grant über 2,5 Millionen Euro für das Projekt HyAngle zur Überwindung des Dispersionslimits durch starke Licht-Materie-Kopplung.

Darauf aufbauend erhielt das Zentrum 1,1 Millionen Euro EXIST Forschungstransfer Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und mehrere ERC Proof of Concept Grants – etwa für SPLiDAR, einen Spektralfilter für LiDAR-Anwendungen, sowie für CELL-FORCE, eine Mikroskopiemethode zur Kraftmessung in Zellen. Marcel Schubert konnte das ERC Starting Grant-Projekt Hyperion über 1,5 Millionen Euro für die Entwicklung neuartiger biointegrierter Laser einwerben. 

Für das Projekt OdiN, in dem ein neuartiges, flexibles Implantat entwickelt wird, das gefährdete Nervenzellen nicht nur überwacht, sondern auch gezielt schützt, erhielt Dr. Sabina Hillebrandt, ebenfalls unabhängige Nachwuchsforscherin am HCNB, in diesem Jahr einen weiteren mit 1,5 Millionen Euro geförderten ERC Starting Grant. 

Video der Alexander von Humboldt-Stiftung: https://youtu.be/TUbMx01OmHQ

Video

Film der Alexander-von-Humboldt-Stiftung

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