Smartphones sind ein integraler Bestandteil unseres Alltags. Nahezu jeder und jede Deutsche nutzt das Smartphone mehrere Stunden pro Tag. Da das Verhalten weit verbreitet und landläufig sozial akzeptiert ist, ist eine pathologische Einordnung als Verhaltenssucht erschwert. Zunehmend zeigen Studien jedoch die negativen Auswirkungen übermäßiger Smartphone-Nutzung. Formulierungen wir Digital Detox und Smartphone-Abstinenz sind längst präsent im alltäglichen Sprachgebrauch, ihre positiven Effekte auf psychologische Dimensionen des Wohlbefindens gut evaluiert.
Unser Verhalten und etablierte alltägliche Routinen prägen gleichsam Struktur und Funktion unseres Gehirns auf neurobiologischer Ebene. Die Smartphone-Nutzung stellt hier spezifische Anforderungen an die visuelle Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und motorische Kontrolle der Geräte. Analog zu stoffgebundenen Abhängigkeiten existieren Phänomene des Entzugs und Verlangens (»Craving «).
Eine Studie von Forschenden der Medizinischen Fakultäten der Universität Heidelberg und der Universität zu Köln hat nun erstmals Effekte des »Smartphone-Entzugs« über 72 Stunden bei jungen Erwachsenen mit und ohne exzessiver Smartphone-Nutzung auf die Gehirnfunktion untersucht. Mittels funktioneller Magnetresonanztomographie wurde bei den Versuchsteilnehmer*innen die neuronale Reaktion auf visuelle Reize (neutrale Bilder, inaktive und aktive Smartphones) vor und nach dem Smartphone-Entzug untersucht. Die Versuchsteilnehmenden zeigten nach dem Smartphone- Fasten eine veränderte Aktivität in Gehirnregionen, die mit Verlangen, Belohnung und Aufmerksamkeit assoziiert sind – analog zu früheren Befunden bei stoffgebundenen Süchten.
Damit zeigt die Studie erstmals Effekte im Gehirn, die mit dem Verlangen (Craving) in Zusammenhang stehen und auf eine Beteiligung suchtbezogener Neurotransmittersysteme schließen lassen – ein Befund, der den Alltagserfahrungen vieler Menschen mit dem Smartphone entsprechen dürfte. Doch bereits eine kurzzeitige Abstinenz verändert die Gehirnfunktion. Dabei zeigten sich keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Teilnehmer*innen mit und ohne exzessiver Smartphone- Nutzung. Auch zeigte sich in dieser ersten Studie kein Zusammenhang zum Wohlbefinden der Teilnehmer*innen.
In künftigen Untersuchungen sollen die Auswirkungen längerer Abstinenzphasen in größeren Stichproben untersucht werden, um individuelle Unterschiede besser zu verstehen und die Effekte im Gehirn noch präziser zu beschreiben. Von besonderem Interesse sind hierbei – unabhängig von einer moralischen Bewertung – mögliche entwicklungspsychologische Konsequenzen der frühen Smartphone- Nutzung bei Kindern und Jugendlichen.