Nachdem die Jugendkriminalität lange Zeit rückläufig war, kam es 2022 nach dem Ende der COVID-19-Pandemie in Deutschland zu einem überraschend starken Anstieg der polizeilich registrierten Fallzahlen. Vor diesem Hintergrund beauftragte der Landtag Nordrhein-Westfalens die Landesregierung mit einer unabhängigen Studie, um mögliche Ursachen zu untersuchen und Handlungsempfehlungen zu entwickeln.
Am Department für Soziologie und Sozialpsychologie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und im Rahmen des Exzellenzclusters ECONtribute haben mein Team und ich uns dieser Aufgabe angenommen. Wir hatten bereits von 2013 bis 2016 im Ruhrgebiet eine große Schulbefragung zur Jugendkriminalität durchgeführt. Eine erneute Befragung an denselben Schulen erlaubte es uns, Entwicklungen im Zehnjahresvergleich zu analysieren. Ein Vorteil derartiger sogenannter Dunkelfeldstudien ist, dass alle teilnehmenden Jugendlichen in einer streng vertraulichen, computerbasierten Befragungssituation zu Gesetzesverstößen befragt werden – unabhängig davon, ob diese der Polizei bekannt wurden oder nicht.
An der neuen Umfrage nahmen 2024 mehr als 3.700 Jugendliche der siebten und neunten Jahrgangsstufen an 27 weiterführenden Schulen in Gelsenkirchen, Herten und Marl teil. Unsere Studie zeigt, dass der Anteil der befragten Jugendlichen, die von eigenen Eigentums- und Gewaltdelikten berichten, im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich angestiegen ist – in der siebten Jahrgangsstufe bei Gewaltdelikten beispielsweise von 20 auf 27 Prozent. Besonders ausgeprägt ist der Anstieg unter Mädchen. Verglichen mit der Erhebung von vor zehn Jahren beobachten wir zudem einen Rückgang der subjektiv eingeschätzten Selbstkontrolle, der Akzeptanz schulischer Normen und der Erwartung, für Regelverstöße Konsequenzen zu erfahren. Darüber hinaus berichten auch mehr Jugendliche in unserem Erhebungsgebiet im letzten Jahr körperliche Gewalt durch ihre Eltern erfahren zu haben (Anstieg von circa 15 auf 23 Prozent).
Die Ergebnisse der Studie wurden im April und Oktober 2025 im Innenausschuss des Landtages vorgestellt und waren Anfang November Anlass für eine Aktuelle Stunde im Plenum des Landtags. Aktuell beteiligen wir uns an der Ministerien übergreifenden Diskussion über geeignete Maßnahmen, etwa soziale Kompetenztrainings an Schulen. Zudem setzen wir unsere Befragungen im Rahmen eines DFG-Projekts fort, um besser zu verstehen, wie sich Jugenddelinquenz in verschiedenen Kohorten entwickelt – etwa, ob das Alter, in dem bestimmte Jahrgänge während der Pandemie von Grundschulschließungen betroffen waren, langfristige Defizite in der Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen begünstigt hat.
Bei allem Handlungs- und Forschungsbedarf sollte jedoch nicht vergessen werden: Sowohl in unseren jüngsten Befragungen als auch vor zehn Jahren berichtet die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen, in den letzten zwölf Monaten kein Eigentums- oder Gewaltdelikt begangen zu haben. Gegen eine allzu alarmistische Sicht auf die heutige Jugend spricht auch ein Blick in die 1990er Jahre: Damals war Jugendkriminalität teilweise deutlich verbreiteter als heute.
Den Abschlussbericht und einen zusammenfassenden Artikel finden Sie hier:
https://www.econtribute.de/RePEc/ajk/ajkpbs/ECONtribute_PB_069_2025.pdf
https://www.dvjj.de/wp-content/uploads/2025/12/ZJJ-4-25_Kroneberg-et-al.pdf