»Die Menschen wissen oftmals gar nicht, dass sie betroffen sind«, sagt Frezza. »Sie gehen zum Hautarzt, weil sie einen juckenden Ausschlag haben, dann gibt es vielleicht noch einen Fall von Nierenkrebs in der Familie. Es bedarf mehrerer Fachärzte, um herauszufinden, dass die wahre Ursache in den Mitochondrien schlummert.« Viele Patient*innen kommen gar nicht so weit.
In letzter Zeit haben sich jedoch viele Diskussionsforen zu dem Thema vor allem in den sozialen Medien gegründet. Sie steigern die Wahrnehmung und den Austausch unter Betroffenen. Das kann helfen, das Bewusstsein für diese Seltene Erkrankung in der Forschung und der Gesundheitsversorgung zu steigern, damit Patient*innen schneller die korrekte Diagnose bekommen.
Disharmonie im Stoffwechselkonzert
Für Frezza ist der zelluläre Stoffwechsel der Schlüssel zum Verständnis von mitochondrialen Erkrankungen, aber auch von Krebs und Alterung. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie bestimmte Stoffwechselprodukte, sogenannte Onkometabolite, die Genregulation, Zellkommunikation und letztlich die Entstehung von Krankheiten steuern. Denn nicht nur mutierte Gene verursachen Krebs, sondern auch die Anhäufung von Metaboliten – Stoffwechselprodukten, die wie kleine Saboteure im Zellinneren agieren und somit den Phänotyp, also das Erscheinungsbild, und das Verhalten der Zelle verändern können.
Frezza und sein Team gehören zu den Ersten, die eine Fehlregulation des Stoffwechsels mit Krebs in Verbindung brachten. Sie wiesen im Fumarat- Hydratase(FH)-defizienten Nierenzellkarzinom die Anhäufung des Stoffwechselprodukts Fumarat nach, was die Krebsentstehung zur Folge hat.
Fumarat-Hydratase(FH)-defizientes Nierenzellkarzinom – Diese Krebart ist ein seltener, aggressiver Nierenkrebs-Subtyp mit hohen Metastasenraten. Der Krebs wird durch den Funktionsverlust des FH-Enzyms verursacht, dem eine Mutation zugrunde liegt. Fumarat wird angehäuft und begünstigt das Tumorwachstum. Spezielle Therapieansätze sind nötig, da es sich vom Standard-Nierenzellkarzinom unterscheidet.
Besonders dieses Stoffwechselprodukt hat es Frezza angetan. »Unsere Forschungsfrage basiert auf frühen Beobachtungen, dass Patienten, die Fumarat-Hydratase- Mutationen aufweisen und Fumarat ansammeln, für Tumoren prädisponiert sind. Daher haben wir versucht zu verstehen, wie der Verlust von Fumarat- Hydratase und die Ansammlung von Fumarat bei diesen Patienten Krebs verursachen können«, sagt Frezza. Je mehr sich die Forschenden mit dem Thema beschäftigen, desto mehr erkannten sie, dass ihre Erkenntnisse tatsächlich auf die Krankheit anwendbar ist.
»Das Netzwerk am CECAD mit viel translationaler Forschung ermöglicht es uns auf Patienten zuzugehen, um unsere Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in der Praxis zu validieren«, so Frezza.
Tanz der Moleküle
Um diese Nachweise zu erbringen, muss die genaue Funktion der Onkometabolite in Zellen nachgewiesen werden. Das geschieht auf verschiedenen Ebenen. Zum einen können Forschende beobachten, welche neuen Moleküle entstehen oder wie viel Energie eine Zelle produziert. Zum anderen können sie messen, wie aktiv bestimmte Enzyme sind oder wie sich Zellen insgesamt verhalten. Welche Nährstoffe werden aufgenommen? Wachsen sie schneller? Oder wie reagieren sie auf Stress?