Das Problem ist den meisten Menschen und Staaten klar: Wenn die Welt ihren Ausstoß an klimaschädlichen Emissionen nicht drastisch reduziert, werden die Folgen verheerend sein – und sehr viel mehr kosten, als eine schnelle Abkehr von fossilen Energieträgern. Dennoch blieb die COP30 im brasilianischen Belém ohne ambitionierten Abschluss. Vier Fragen an den Wirtschaftswissenschaftler Axel Ockenfels, der die Klima- und Energiepolitik seit vielen Jahren berät.
Herr Professor Ockenfels, warum kommt die internationale Klimapolitik trotz wissenschaftlichem Konsens kaum weiter?
Die Klimakrise ist im Kern ein klassisches Kooperationsdilemma – und zwar eines der größten in der Geschichte der Menschheit: Ergreift ein einzelnes Land ambitionierte Klimamaßnahmen, fallen die vollen Kosten in Form von höheren Energiepreisen und wirtschaftlichen Anpassungslasten unmittelbar und sehr konzentriert an, während sich der Klimanutzen dieser Maßnahmen auf alle Länder gleichermaßen verteilt – auch auf jene, die selbst nichts unternehmen. Der Anreiz für einzelne Staaten, sich selbst anzustrengen, ist daher zu gering – selbst wenn die kollektiven Folgen verheerend sind.
Erschwerend kommt das sogenannte »carbon leakage«-Problem hinzu, so dass selbst gut gemeinte nationale Klimapolitiken kontraproduktiv sein können: Wenn ein Land fossile Energieträger aus seiner Wirtschaft verbannt, sinken global die Preise für Öl, Gas und Kohle, was deren Nutzung andernorts attraktiver macht. Oder energieintensive Produktion wandert in Regionen mit geringerer Klimaambition ab. In diesen Fällen subventionieren Klima-Altruisten die CO2-Emissionen der Klima-Egoisten. Der Blick auf den eigenen CO2-Fußabdruck reicht also nicht aus. Wir müssen Gutes besser tun.
Welche Mechanismen können internationale Klimakooperation ermöglichen?
Aus der Forschung wissen wir, dass nachhaltige Kooperation nicht durch Appelle an Altruismus entsteht, sondern durch eine Kooperations- und Verhandlungsarchitektur, die Eigeninteresse und Gemeinwohl in Einklang bringt. Dafür braucht es eine gemeinsame, überprüfbare Verpflichtung, die reziprok durch Belohnungen für Kooperation und Sanktionen bei Nichteinhaltung durchgesetzt wird. Reziprozität ist essenziell, denn sie schützt die Kooperationswilligen vor Trittbrettfahrern und motiviert zugleich die Kooperationsunwilligen, zum gemeinsamen Ziel beizutragen. Das gilt für praktisch alle internationalen Kooperationsabkommen, sei es das Montreal-Protokoll zum Ozonschutz oder internationale Handels-, Rüstungs- und Mindestbesteuerungsabkommen. Reziprozität ist in allen Fällen der Schlüssel zur Kooperation. In der COP-Klimadiplomatie fehlt sie jedoch weitgehend.
Wie beurteilen Sie das Pariser Abkommen und die COP30?
Dass im Abschlusstext von Belém nach über dreißig Jahren Klimaverhandlungen kein direkter Verweis auf fossile Brennstoffe zu finden ist, geschweige denn auf eine Abkehr oder gar einen Ausstieg aus diesen, ist mehr als ernüchternd, aber nicht besonders überraschend. Die Kooperationswissenschaft hat auch im Kontext der Verhandlungen in Paris auf den grundlegenden Konstruktionsmangel der Klimadiplomatie hingewiesen. Das Pariser Abkommen löst das Kooperationsproblem jedoch nicht, denn seine Architektur beruht auf freiwilligen nationalen Selbstverpflichtungen, den sogenannten »Nationally Determined Contributions«, die zum Trittbrettfahren einladen. Tatsächlich sind die meisten nationalen Selbstverpflichtungen – soweit sie überhaupt noch übermittelt werden – vor dem Hintergrund der globalen Temperaturziele bei weitem nicht ausreichend und werden zudem häufig nicht eingehalten. So steigen die globalen Treibhausgasemissionen auch zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen weiter an.
Sehen Sie Hoffnungszeichen, dass sich das ändern könnte?
Ja, es gibt trotz allem ermutigende Entwicklungen. Einerseits gibt es technologische Durchbrüche, die die Kosten grüner Energie senken helfen, wenngleich hier noch viel zu tun ist. Je günstiger die grüne Energie im Vergleich zu fossilen Energieträgern ist, desto mehr liegt es im Eigeninteresse aller Länder und Unternehmen, die fossilen Ressourcen im Boden zu lassen. Zum anderen gibt es zunehmend Initiativen für echte Kooperation. Bei der COP30 durfte ich als Teil einer Arbeitsgruppe um Catherine Wolfram vom Massachusetts Institute of Technology an einem Vorschlag für eine reziproke Klimakoalition mitwirken, der von der brasilianischen Präsidentschaft aufgegriffen wurde. Die Idee ist, einen gemeinsamen CO2-Mindestpreis zu koordinieren und diesen mit Klimazöllen auf Produkte aus Ländern mit weniger ambitionierter Klimapolitik zu kombinieren. Letzteres schützt die eigene Wirtschaft und schafft zugleich Anreize für andere, sich der CO2-Bepreisung anzuschließen.
Unsere Initiative hat in Belém zu einer »Carbon Market Coalition« beigetragen, die unter anderem von der EU und China mitgetragen wird. Das Kooperationsabkommen könnte ein Schritt in Richtung einer effektiven Klimakooperation sein.
Wichtig ist, den Klimawandel als das zu adressieren, was er ist: eine kollektive Herausforderung, die nur gemeinsam zu meistern ist. Die Wissenschaften der Kooperation, der Anreize und des Verhaltens haben dabei viel Konkretes anzubieten.