| Dinge, die uns wichtig sind

Warhol-Thomas

Professor Dr. Andreas Speer, Direktor des Thomas-Instituts, über eine Begegnung mittelalterlicher und moderner Kunst.

Jeder kennt sie, jeder hat sie: Dinge, die unter den vielen Gegenständen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, einen besonderen Stellenwert haben. Professor Dr. Andreas Speer, Direktor des Thomas-Instituts, über eine Begegnung mittelalterlicher und moderner Kunst.


In meinem Büro hängt ein Bild, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht – vor allem, wenn man es zum ersten Mal sieht. Erinnert es nicht im Stil an Andy Warhols Portraits von Marilyn Monroe oder John Lennon? Aber Thomas von Aquin? Das ist in der Tat ungewöhnlich.

Das Bild hatten wir meinem Vorgänger als Direktor des Thomas-Instituts, Professor Jan Aertsen, zu seinem Dienstantritt geschenkt. Ich selbst hatte es damals zusammen mit einer graphisch begabten studentischen Mitarbeiterin realisiert. 

Das insgesamt neun Mal variierte Portrait zeigt einen Ausschnitt aus einem Gemälde, das heute in der Kirche San Caterina in Pisa im linken Seitenschiff hängt. Dort präsentiert Thomas – von Platon und Aristoteles begleitet – ein Buch, das programmatisch den Anfang seiner ersten »Summa« zeigt. Es handelt sich um eines der ältesten Portraits des Thomas von Aquin, dessen 750. Todestag und dessen 800. Geburtstag wir erst unlängst gefeiert haben. 

Warum erheischt diese Begegnung von mittelalterlicher und moderner Kunst – selbst wenn sie im Modus der Nachahmung erfolgt – unsere Aufmerksamkeit? Für mich zeigt dieses Bild die Modernität eines mittelalterlichen Denkens, für das Thomas wie kaum ein anderer steht. Denn anders als das nach wie vor gepflegte Klischee einer vermeintlich dunklen Zeit war das 13. Jahrhundert eine innovative Aufbruchszeit, in der die Idee der Wissenschaft sich vor allem in unseren Städten etablierte und in die Gründung der Universitäten mündete. Der wissenschaftliche Fortschritt war das Resultat vielfältiger Einflüsse aus allen Kulturen und Sprachen der damals bekannten Welt. Das alles musste rezipiert und durchdacht werden. Thomas steht zu Recht exemplarisch für diesen intellektuellen Aufbruch, der so vielfältig war wie die neun Variationen des Thomas-Portraits – inspiriert von Andy Warhols Graphiken. 

Als das Thomas-Institut vor nunmehr über 75 Jahren gegründet wurde, da wählte der Gründungsdirektor Professor Josef Koch bewusst Thomas von Aquin als Namensgeber – und zwar nicht den Heiligen, sondern den scharfsinnigen Philosophen und Intellektuellen, der alle Argumente einer unvoreingenommenen Prüfung unterzog – auch die, denen er letztlich widersprach. Dieser disputative Stil spiegelt die Debatten an den damaligen Universitäten wider. Davon können wir auch heute lernen. 

Und so hat mich der Warhol- Thomas auch auf meine erste Professur nach Würzburg begleitet: nicht das Bild aus dem Thomas-Institut, wohl aber das Portrait aus Pisa, das für eine Thomas-Tagung als Plakatmotiv diente. Als ich dann 2004 als Direktor des Thomas-Instituts nach Köln zurückkehrte, da erhielt das Thomas-Bild im Warhol-Stil einen prominenten Platz an der Wand meines Arbeitszimmers. Wenn ich von meinem Schreibtisch aufblicke, fällt mein Blick auf dieses Bild, das dazu einlädt, unkonventionell zu denken, vermeintlich Inkompatibles zusammenzubringen und immer wieder Neues auszuprobieren. Auf diese Weise können Buntheit und Varianz auch in der Alltagsroutine ihren nötigen Raum bekommen. 


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