Diese Gespräche eröffnen einen seltenen Einblick in Dynamiken, die sich statistisch sonst nur schwer erfassen lassen. »Wir können nachvollziehen, wie sich die Kommunikation im sozialen Nahraum verändert und welche Formen von Unterstützung als hilfreich erlebt werden«, erläutert Elisabeth Faria Lopes. Neben informellen Unterstützungsangeboten durch Familienmitglieder, Freund*innen, Kolleg*innen oder Selbsthilfegruppen berichten Betroffene auch von hilfreichen professionellen Unterstützungsräumen. Dazu gehören Beratungsstellen und ärztliche, psychotherapeutische sowie juristische Akteur*innen.
Besonders hervorgehoben wird die Unterstützung in auf Verschwörungsideologien spezialisierten Beratungsstellen. Dort fühlen sich Betroffene aufgrund der umfassenden fachlichen Kenntnisse der Berater*innen und deren Erfahrungswerte im Umgang mit Verschwörungsanhänger*innen besonders gut aufgehoben. In Forschungswerkstätten tauschte sich das Team mit Beratungsstellen und Bildungsträgern aus. Aus den realen Fallbeispielen, die sie dort diskutierten, entwickelten sie gemeinsam Materialien, die direkt in der Praxis eingesetzt werden können. Faria Lopes betont, wie wichtig dieser Ansatz ist: »Uns interessiert nicht nur das Weltbild der Verschwörungsgläubigen, sondern vor allem das, was diejenigen erleben, die mit ihnen leben oder arbeiten. Das wurde bislang kaum erforscht. Aber nur so können wir auch konkrete Hilfestellungen anbieten.«
Erfahrungen zwischen Rückzug und Beharrlichkeit
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, wie einschneidend die psychosozialen Folgen sein können. Viele Betroffene ziehen sich aus Beziehungen zurück, vermeiden Konfliktthemen oder halten nur noch eingeschränkt Kontakt. Andere berichten von einem ständigen Kreisen um die Frage, wie sie ihre Beziehung aufrechterhalten können, ohne sich selbst zu verlieren und die eigenen Überzeugungen zu verleugnen. Dabei spielt die emotionale Verbindung eine entscheidende Rolle. Denn – das zeigen die Daten aus den Befragungen – Argumente, Faktenchecks oder sachliche Debatten führen oft zu keiner Annäherung.
Häufiger gelingt es hingegen, über gemeinsame Erinnerungen oder geteilte positive Erfahrungen wieder Gesprächsfäden aufzunehmen. Doch dieser Weg ist mühsam und gelingt nicht immer. Manche Betroffene schildern, wie Freundschaften und Familienbande trotz aller Bemühungen zerbrechen, während andere mit Unterstützung von Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen ihren Weg finden, den Kontakt zumindest auf einer minimalen Ebene zu stabilisieren. »Besonders sensibel sind Situationen, in denen Kinder betroffen sind. Fachkräfte berichten, dass Kinder auch als Erwachsene häufig zwischen der Loyalität gegenüber den Eltern und der Angst eines Kontaktabbruchs schwanken, wenn Eltern stark verschwörungsideologisch geprägt sind«, so Hentges.
Vom Projekt in die Praxis
Aus den Erkenntnissen des Projekts wird deutlich, dass viele Institutionen noch am Anfang stehen. Oft fehlt selbst grundlegendes Wissen darüber, wie Verschwörungsideologien funktionieren, welche Erzählmuster typisch sind und wie man angemessen reagieren kann. Der Bedarf an handlungsorientierten Materialien ist entsprechend groß. Auch wenn es keine Schablone nach ›Schema F‹ gibt, wünschen sich Fachkräfte konkrete Fallbeispiele, die zeigen, welche Gesprächsstrategien in welchem Kontext sinnvoll sind, um eine Orientierung zu haben.
Zugleich wird deutlich, dass spezialisierte Beratungsstellen vielerorts fehlen. Besonders in ländlichen Regionen stehen Betroffene ohne passende Angebote da. »Eine wichtige Rolle spielen Selbsthilfegruppen, die emotionale Entlastung bieten und Betroffenen zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind«, so Faria Lopes. Allein das Wissen, dass Andere ähnliche Erfahrungen machen und in den Erfahrungsaustausch zu kommen, ist für viele Betroffene hilfreich.
Ein zentrales Anliegen von RaisoN ist der Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis. Das Team hat eine digitale Informationsplattform entwickelt, die fortlaufend erweitert wird und praxisorientierte Materialien bereitstellt – von Hintergrundwissen über Fallvignetten bis zu Leitfäden für Workshops oder Fortbildungen. In Kooperation mit Beratungsstellen werden zudem Fortbildungsformate entwickelt, die auf unterschiedliche Berufsgruppen zugeschnitten sind und helfen sollen, Verschwörungserzählungen im Alltag frühzeitig zu erkennen und besser zu begleiten. Denn die Orte, an denen Verschwörungsideologien besonders wirksam werden, sind nicht anonyme Onlineforen, sondern die Küchen, Wohnzimmer und Arbeitsplätze unseres Alltags. Genau dort sollte die Unterstützung ansetzen.
RAISON – Radikalisierungsprozesse durch Verschwörungsideologien: Auswirkungen auf den sozialen Nahraum als Herausforderung für die Bildungs- und Beratungsarbeit
Das Verbundvorhaben der TH Köln und der Universität zu Köln verbindet sozialwissenschaftliche Forschung mit praxisnaher Analyse, um besser zu verstehen, wie Radikalisierung im Alltag wirkt und welche Ansatzpunkte es für Prävention und Intervention gibt. Das Projekt wird bis Juni 2026 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen der Förderlinie »Aktuelle und historische Dynamiken von Rechtsextremismus und Rassismus« gefördert.