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| Forschung

Verschwörungen am Küchentisch

Wie Familienmitglieder, die in unterschiedlichen Realitäten leben, wieder ins Gespräch kommen

Der Umgang mit Personen, die Verschwörungsideologien anhängen, kann Beziehungen auf die Probe stellen. Wie groß die Belastung für Betroffene ist und welche Strukturen nötig sind, um ihnen angemessen zu helfen, erforscht ein gemeinsames Projekt der Universität und der Technischen Hochschule Köln. 

Von Jan Voelkel

Oft beginnt es beiläufig in einem Gespräch in der Mittagspause oder einer Nachricht in der WhatsApp-Familiengruppe. Verwandte äußern Misstrauen gegen »die da oben«, Freunde sind skeptisch gegenüber staatlichen Institutionen oder die eigenen Kinder suggerieren, dass es neben den gewählten Politikern noch heimliche Machthaber gibt, die eigentlich das Weltgeschehen steuern. 

Was in ersten Äußerungen befremdlich wirkt und ein Stirnrunzeln hervorruft, kann sich in weiteren Gesprächen als gefestigter Glaube an Verschwörungserzählungen und völkisch-autoritäre Ideologien herausstellen. Oft haben diese Verschwörungen einen antisemitischen oder rassistischen Hintergrund. Dies kann Beziehungen tief erschüttern und ganze Familien spalten. Denn wie soll man mit nahestehenden Menschen umgehen, die unumstößlich davon überzeugt sind, dass Eliten im Verborgenen die Strippen ziehen, um die Demokratie auszuhöhlen und den Staat zu unterwandern? Oder die der festen Ansicht sind, dass es einen groß angelegten Austausch der ›christlichen‹ oder ›weißen‹ Bevölkerung Europas gibt?

Wissenschaftler*innen der Universität zu Köln und der Technischen Hochschule Köln arbeiten in dem Forschungsprojekt RaisoN eng zusammen, um zu untersuchen, wie Verschwörungsideologien das direkte Umfeld, den sogenannten sozialen Nahraum, verändern und welche Unterstützung Menschen benötigen, die in ihrem Umfeld damit konfrontiert sind.

Alle Ebenen des gesellschaftlichen Lebens sind betroffen

»Verschwörungsideologien treten selten als harmlose Randnotiz auf. Sie verbinden sich häufig mit völkischautoritären Vorstellungen und demokratiefeindlichen Haltungen«, sagt Professorin Dr. Gudrun Hentges. »Über soziale Medien und besonders in Krisenzeiten gewinnen sie an Kraft und finden schnell Eingang in persönliche Beziehungen.« Die Politologin an der Humanwissenschaftlichen Fakultät betreut gemeinsam mit den beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen Elisabeth Faria Lopes und Georg Gläser das Forschungsprojekt von Seiten der Uni Köln.

Auch wenn Anhänger*innen von Verschwörungserzählungen im Internet von Link zu Link klicken und die Informationsbeschaffung vor allem digital stattfindet, manifestiert sich ein gefestigter Glaube an Verschwörungen oft im Alltag. Menschen fühlen sich berufen, andere mit Nachdruck zu überzeugen. Sie verbreiten Videos und Nachrichten, versuchen Familienangehörige ideologisch zu beeinflussen oder zeigen offen ihre Ablehnung staatlicher Strukturen, indem sie beispielsweise Krankenversicherungen für sich und ihre Familienmitglieder kündigen oder sich weigern, Steuern zu zahlen.

Für Angehörige bedeutet das oftmals eine starke emotionale Belastung. »Viele Menschen, mit denen wir gesprochen haben, berichten von Verunsicherung, Schlafproblemen oder dem Gefühl, plötzlich mit einer völlig neuen, kaum zugänglichen Lebenswelt konfrontiert zu sein«, sagt Hentges. Die Ideologien gefährden zudem nicht nur das direkte familiäre Beziehungsgefüge. »Sie reichen in alle Ebenen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und beeinflussen zum Beispiel auch Nachbarschaftshilfe oder ehrenamtliches Engagement. Umso wichtiger ist es zu wissen, wie man damit umgehen kann.«

Einblicke, die Statistiken nicht erfassen können

Um diese Prozesse zu verstehen, kombinieren die Forschenden im Projekt RaisoN unterschiedliche Methoden. Eine umfangreiche Onlinebefragung unter rund 700 Fachkräften aus Beratungsstellen, Jugend- und Sozialarbeit sowie politischer Bildung liefert Einblicke, wie häufig Verschwörungserzählungen im beruflichen Alltag auftauchen und welche Konflikte sie hervorrufen. So berichten etwa 70 Prozent der befragten Fachkräfte, dass ihnen das Thema Verschwörungserzählungen im Rahmen ihrer Arbeit mit Ratsuchenden und Bildungsteilnehmenden begegnet.

Über zwei Drittel der Berater*innen und Mitarbeitenden von Bildungseinrichtungen hören Aussagen, nach denen ›Medien und Politik unter einer Decke stecken und gemeinsame Sache zu Ungunsten der Bevölkerung machen‹. Mehr als die Hälfte der Befragten ist im Rahmen ihrer Arbeit mit Aussagen konfrontiert, nach denen ›Politiker*innen und andere Führungspersönlichkeiten nur Marionetten dahinterstehender Mächte‹ seien, die Corona-Pandemie als Erfindung der Pharmaindustrie aufgefasst wird und die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie das Ziel gehabt hätten, die demokratischen Strukturen zu schwächen. Ergänzend führen die Wissenschaftler*innen qualitative Interviews – sowohl mit Fachkräften als auch mit Betroffenen, die im eigenen Umfeld mit Verschwörungsanhänger*innen zu tun haben. 

Diese Gespräche eröffnen einen seltenen Einblick in Dynamiken, die sich statistisch sonst nur schwer erfassen lassen. »Wir können nachvollziehen, wie sich die Kommunikation im sozialen Nahraum verändert und welche Formen von Unterstützung als hilfreich erlebt werden«, erläutert Elisabeth Faria Lopes. Neben informellen Unterstützungsangeboten durch Familienmitglieder, Freund*innen, Kolleg*innen oder Selbsthilfegruppen berichten Betroffene auch von hilfreichen professionellen Unterstützungsräumen. Dazu gehören Beratungsstellen und ärztliche, psychotherapeutische sowie juristische Akteur*innen.

Besonders hervorgehoben wird die Unterstützung in auf Verschwörungsideologien spezialisierten Beratungsstellen. Dort fühlen sich Betroffene aufgrund der umfassenden fachlichen Kenntnisse der Berater*innen und deren Erfahrungswerte im Umgang mit Verschwörungsanhänger*innen besonders gut aufgehoben. In Forschungswerkstätten tauschte sich das Team mit Beratungsstellen und Bildungsträgern aus. Aus den realen Fallbeispielen, die sie dort diskutierten, entwickelten sie gemeinsam Materialien, die direkt in der Praxis eingesetzt werden können. Faria Lopes betont, wie wichtig dieser Ansatz ist: »Uns interessiert nicht nur das Weltbild der Verschwörungsgläubigen, sondern vor allem das, was diejenigen erleben, die mit ihnen leben oder arbeiten. Das wurde bislang kaum erforscht. Aber nur so können wir auch konkrete Hilfestellungen anbieten.«

Erfahrungen zwischen Rückzug und Beharrlichkeit

Die bisherigen Ergebnisse zeigen, wie einschneidend die psychosozialen Folgen sein können. Viele Betroffene ziehen sich aus Beziehungen zurück, vermeiden Konfliktthemen oder halten nur noch eingeschränkt Kontakt. Andere berichten von einem ständigen Kreisen um die Frage, wie sie ihre Beziehung aufrechterhalten können, ohne sich selbst zu verlieren und die eigenen Überzeugungen zu verleugnen. Dabei spielt die emotionale Verbindung eine entscheidende Rolle. Denn – das zeigen die Daten aus den Befragungen – Argumente, Faktenchecks oder sachliche Debatten führen oft zu keiner Annäherung.

Häufiger gelingt es hingegen, über gemeinsame Erinnerungen oder geteilte positive Erfahrungen wieder Gesprächsfäden aufzunehmen. Doch dieser Weg ist mühsam und gelingt nicht immer. Manche Betroffene schildern, wie Freundschaften und Familienbande trotz aller Bemühungen zerbrechen, während andere mit Unterstützung von Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen ihren Weg finden, den Kontakt zumindest auf einer minimalen Ebene zu stabilisieren. »Besonders sensibel sind Situationen, in denen Kinder betroffen sind. Fachkräfte berichten, dass Kinder auch als Erwachsene häufig zwischen der Loyalität gegenüber den Eltern und der Angst eines Kontaktabbruchs schwanken, wenn Eltern stark verschwörungsideologisch geprägt sind«, so Hentges.

Vom Projekt in die Praxis

Aus den Erkenntnissen des Projekts wird deutlich, dass viele Institutionen noch am Anfang stehen. Oft fehlt selbst grundlegendes Wissen darüber, wie Verschwörungsideologien funktionieren, welche Erzählmuster typisch sind und wie man angemessen reagieren kann. Der Bedarf an handlungsorientierten Materialien ist entsprechend groß. Auch wenn es keine Schablone nach ›Schema F‹ gibt, wünschen sich Fachkräfte konkrete Fallbeispiele, die zeigen, welche Gesprächsstrategien in welchem Kontext sinnvoll sind, um eine Orientierung zu haben.

Zugleich wird deutlich, dass spezialisierte Beratungsstellen vielerorts fehlen. Besonders in ländlichen Regionen stehen Betroffene ohne passende Angebote da. »Eine wichtige Rolle spielen Selbsthilfegruppen, die emotionale Entlastung bieten und Betroffenen zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind«, so Faria Lopes. Allein das Wissen, dass Andere ähnliche Erfahrungen machen und in den Erfahrungsaustausch zu kommen, ist für viele Betroffene hilfreich.

Ein zentrales Anliegen von RaisoN ist der Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis. Das Team hat eine digitale Informationsplattform entwickelt, die fortlaufend erweitert wird und praxisorientierte Materialien bereitstellt – von Hintergrundwissen über Fallvignetten bis zu Leitfäden für Workshops oder Fortbildungen. In Kooperation mit Beratungsstellen werden zudem Fortbildungsformate entwickelt, die auf unterschiedliche Berufsgruppen zugeschnitten sind und helfen sollen, Verschwörungserzählungen im Alltag frühzeitig zu erkennen und besser zu begleiten. Denn die Orte, an denen Verschwörungsideologien besonders wirksam werden, sind nicht anonyme Onlineforen, sondern die Küchen, Wohnzimmer und Arbeitsplätze unseres Alltags. Genau dort sollte die Unterstützung ansetzen.  

RAISON – Radikalisierungsprozesse durch Verschwörungsideologien: Auswirkungen auf den sozialen Nahraum als Herausforderung für die Bildungs- und Beratungsarbeit
Das Verbundvorhaben der TH Köln und der Universität zu Köln verbindet sozialwissenschaftliche Forschung mit praxisnaher Analyse, um besser zu verstehen, wie Radikalisierung im Alltag wirkt und welche Ansatzpunkte es für Prävention und Intervention gibt. Das Projekt wird bis Juni 2026 vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen der Förderlinie »Aktuelle und historische Dynamiken von Rechtsextremismus und Rassismus« gefördert.


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