Jeder kennt sie, jeder hat sie: Dinge, die unter den vielen Gegenständen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, einen besonderen Stellenwert haben. Dr. Astrid Reimers vom Institut für Europäische Musikethnologie über die wunderbare Vielfalt der Musikinstrumente.
Spurensuche, Geschichten finden, Rätsel lösen, Zusammenhänge hinter den Dingen sehen – das ist es, was mich von klein auf begeistert und mich schließlich als Wissenschaftlerin in das Institut für Europäische Musikethnologie geführt hat. Einige Dinge in unseren Musikinstrumenten-Vitrinen werfen Fragen auf und stoßen Diskussionen an: Sind das überhaupt Musikinstrumente? Was ist überhaupt Musik? Ist das Verwahren und Beschäftigen mit diesen Dingen seriöse Forschung? Der Inhalt der Vitrinen besteht aus Instrumenten, die gestiftet wurden oder im Zusammenhang mit verschiedenen Forschungen in unser Institut gelangten. Einige spürte ich selbst im Laufe der Jahre auf: in Kleinanzeigen (Rubrik »zu verschenken«) oder sogar in einem Sperrmüllhaufen. In den Fächern der Vitrinen ordnete ich sie in gegenseitig kommentierender Zuordnung an.
Eines der rätselhaften Dinge befindet sich unter den Instrumenten, die einer regionalen Musizierkultur entstammen und aus einfachsten Mitteln gefertigt sind. Neben den vom Niederrhein stammenden Rummelpott, Weidenpfeifen und Schwirrknochen fand ich eine hohle Walnuss, durch die ein Nagel verläuft, um den im Inneren der Nuss ein Faden gewickelt ist, der aus einem kleinen, in die Nuss hineingeschnittenen Loch herausgezogen werden kann. Es entsteht nur ein leise schnarrendes Geräusch. Vielleicht handelt es sich hierbei gar nicht um ein Musikinstrument, sondern um ein Kinderspielzeug (ähnlich wie ein Jojo).
Der Übergang zwischen Kinderspielzeug und Kindermusikinstrument ist in der Tat fließend. Das belegt die zweite Abteilung der Instrumente in der Vitrine, dies gleichzeitig als Hinweis auf die fachliche Verbindung des Instituts mit der in der Humanwissenschaftlichen Fakultät ebenfalls befindlichen Musikpädagogik. Das hier ausgestellte Kinderstrampelkissen wird vom Hersteller ambitioniert als »Musikcenter« bezeichnet, für ein Verwendungsalter von 0 Jahren. Wenn das Kind strampelt und dabei mit den Füßen verschiedene Flächen des Kissens berührt, ertönen Klänge, die an die Ruftöne der monophonen oder polyphonen Handys der 1990er Jahre erinnern – aus ästhetischer Sicht sicherlich etwas zweifelhaft, aber mit dem Klangkissen können die Babys ihre ersten instrumentalmusikalischen Erfahrungen machen: Eine Bewegung ihres Körpers erzeugt einen Klang oder eine Melodie.
Apropos monophones Handy: Auch von diesen Spielzeugen wird eines in der Vitrine aufbewahrt. Es evoziert ein weiteres Rätsel, eine Frage: Können Handys Musikinstrumente sein? Der in vielen monophonen Handys der neunziger Jahre eingebaute Toneditor ermöglichte es, selbst erfundene oder bekannte Melodien einzugeben, abzuspeichern und dann auch wieder vorzuspielen, also ein aktives Komponieren und Musizieren. Die Musikinstrumente in den Vitrinen des Instituts für Europäische Musikethnologie sind greifbare Objekte der flüchtigen Klänge gegenwärtiger oder vergangener Musizierpraktiken und zeugen von der Entwicklung populärer Musikkulturen und von der Vielfalt musikalischen Tuns – bis auf jene Walnuss vielleicht…