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| Universität

„Die Planetaren Grenzen sind nicht verhandelbar“

Gespräch mit Erdsystemforscher und Albertus-Magnus-Professor Johan Rockström

Albertus-Magnus-Professor Johan Rockström im Gerspräch.

Lukas Plenk

Vom 15. bis 17. Juli 2026 hielt der renommierte Erdsystemforscher Johan Rockström als Albertus-Magnus-Professor zwei Vorträge und leitete ein Seminar an der Universität zu Köln. Im Vorfeld seiner Vorlesungen in Köln traf sich Professor Dr. Rockström mit Professor Dr. Andreas Speer, Philosoph und Rektoratsbeauftragter für die Albertus-Magnus-Professur, und Professor Dr. Kirk W. Junker, Jurist, Direktor des Environmental Law Center und Prorektor für Nachhaltigkeit der Universität zu Köln, zu einem Gespräch. Ihr Austausch zeigt, dass es ein Erdsystemdenken jenseits von Disziplinen braucht, um vom Verständnis zum Handeln zu kommen. 


Kirk W. Junker: Lieber Kollege Speer, wir kommen heute in Ihrer Fachbibliothek zu diesem Gespräch zusammen. Unter dem Eindruck all der Bücher und Bände, die die Wände Ihres Büros säumen, kommt mir ein Gedanke: Wie wir mit Informationen umgehen, hat sich über die letzten Jahrzehnte grundlegend verändert. Textlichkeit und die physische Interaktion mit einer Seite Papier prägen uns. Herr Rockström, wir dürfen Sie als Forscher und Botschafter für die sozial-ökologische Transformation innerhalb der Planetary Boundaries, also der Planetaren Belastungsgrenzen, an der Universität zu Köln begrüßen. Wie stark ist ihr Arbeiten und Denken auch von Stift und Papier geprägt?

Johan Rockström: Sehr stark – wenn auch heute weniger als früher. Aber ich werde nie vergessen, wie der ehemalige australische Premierminister Kevin Rudd zu einem Treffen 2010 an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften kam. Er hatte unseren Planetary-Boundaries-Artikel ausgedruckt und machte den Anwesenden eindringlich deutlich: genau das hier brauchen wir! Der Text war kaum noch zu erkennen, weil jede freie Stelle voller handschriftlicher Notizen war. An diesem Tag diskutierten Nobelpreisträger und Mitglieder der UN-Kommission über einen wissenschaftlichen Rahmen für die neuen Nachhaltigkeitsziele. Aus diesem Austausch entwickelte sich später der Bericht, der die Sustainable Development Goals entscheidend prägte. Es war ein Blatt Papier, über das gemeinsam nachgedacht wurde. 

Andreas Speer: Vielleicht ist das kein Zufall. Wer einen Text wirklich verstehen will, muss ihn bearbeiten. Das kennen wir seit den mittelalterlichen Handschriften. Der eigentliche Text steht in der Mitte, darum herum wachsen Kommentare, Anmerkungen und neue Gedanken. Auch heute wissen wir, dass handschriftliche Notizen anders wirken als getippte. Sie helfen uns, Zusammenhänge zu verstehen und im Gedächtnis zu behalten. Und manchmal findet man die wichtigste Idee gar nicht in dem Buch, das man sucht, sondern in dem daneben. Das Internet liefert meistens genau das, wonach wir fragen. Die Bibliothek schenkt uns Zufälle. Genau daraus entsteht oft Neues. 

Kirk W. Junker: Wissenschaft lebt von solchen Verbindungen. Seit Newton haben wir uns darauf konzentriert, die Welt in ihre Einzelteile zu zerlegen und sie so zu verstehen. Das hat sich bis zuletzt fortgesetzt und zeigt sich noch in vielen Strukturen, in denen wir denken und handeln. Zum Beispiel wurden Umweltprobleme im Recht mit einem Regelungsansatz adressiert, der sehr spezifisch auf einzelne Umweltmedien schaut, also auf Wasser, Luft, Boden, etc. Heute besteht die Herausforderung darin, den Planeten ganzheitlich zu begreifen – als ein Geflecht wechselseitiger komplexer Systeme. Die Planetary Boundaries haben dafür mit ihrem Erdsystemansatz bereits jetzt einen herausragenden Beitrag geleistet: Sie verbinden in einer Synthese das, was seit Newton in seinen Einzelteilen Gegenstand von Analyse war. Wie erklären Sie sich die Erfolgsgeschichte der Planetary Boundaries? Und welche Rolle spielt ein solcher planetar ausgerichteter, systemischer Ansatz auch für Geistes- und Sozialwissenschaften, wie zum Beispiel im Recht, meiner Heimatdisziplin?

Johan Rockström: Zunächst müsste man einschränken, was der Ansatz im Rahmen der Naturwissenschaften leistet: Die Erdsystemwissenschaften können inzwischen Entwicklungen vom lokalen Maßstab bis zum gesamten Planeten verfolgen – und wieder zurück. Dafür gibt es in den Naturwissenschaften heute zuverlässige, transparente und reproduzierbare Methoden. Die Planetary Boundaries sind also kein politisches Programm, sondern vermitteln eine klare, faktenbasierte Botschaft. Sie beschreiben schlicht den biophysikalischen Rahmen, innerhalb dessen sich das Handeln der Menschheit dauerhaft bewegen kann – sie sind nicht verhandelbar. 

Welche rechtlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Schlüsse wir daraus ziehen, müssen Gesellschaften miteinander aushandeln und entscheiden. Hier spielen wiederum weitergehende Fragen, wie solche nach sozialer Gerechtigkeit, eine entscheidende Rolle. Die sozialen Realitäten in ganz unterschiedlichen Teilen der Erde müssen sich dabei entsprechend wiederfinden. Wirkungsvolle Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die im Austausch mit Kolleg*innen aus den Naturwissenschaften den Bogen vom Lokalen bis zum Planetaren spannen, sind wichtig. Das ist die Aufgabe disziplinärer und interdisziplinärer Forschung.

Andreas Speer: Das betrifft die entscheidende Frage, wie es uns gelingt, in gerechter Art und Weise innerhalb der Planetary Boundaries zu leben. Genau bei einer solchen Frage beginnt, aus ethischer Perspektive gesprochen, praktische Vernunft. Wissenschaftliche Argumente können außerordentlich überzeugend sein. Aber daraus folgt noch nicht das Handeln. Aristoteles hat bereits Sokrates widersprochen: Menschen tun nicht automatisch das Richtige, nur weil sie erkannt haben, was richtig ist. Praktische Vernunft fragt nicht nach allgemeiner Wahrheit, sondern danach, was ich hier und jetzt tun soll. Deshalb gehören Freiheit, Verantwortung und Urteilskraft untrennbar dazu. Aus philosophischer Sicht könnte man sagen, die Naturwissenschaften folgen einer Vernunft des Universalismus im Hinblick auf die Fähigkeit zu verstehen und zu erklären, in ethischer Perspektive geht es immer auch um die richtige Entscheidung in einer konkreten Situation. Beide Perspektiven müssen zusammenkommen.

Kirk W. Junker: An der Stelle stellt sich auch die Frage nach Verantwortung im Recht. Wenn Nachhaltigkeitsziele mehr sein sollen als ein gemeinsames Bekenntnis, müssen wir Mechanismen etablierenden, die Akzeptanz finden, umsetzbar sind und praktische Wirksamkeit entfalten. Das Kyoto-Protokoll der Vereinten Nationen von 1997 legte erstmals für alle Länder im Völkerrecht Ziele zur Beschränkung des Ausstoßes von Treibhausgasen fest. Es versuchte, Verantwortung verbindlich zu machen. Mit dem Pariser Abkommen von 2015 wurde vieles freiwilliger. Und dessen Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad C, idealerweise 1,5 Grad C, zu begrenzen, ist aktuell in weiter Ferne. Herr Rockström, Sie haben in Ihrer Arbeit einen genauen Blick auf die Bemühungen der internationalen Staatengemeinschaft. Wie lassen sich Ihrer Ansicht nach globale Regeln schaffen, die wirksam sind und zugleich unterschiedlichen politischen und kulturellen Traditionen gerecht werden? 

Johan Rockström: Zunächst einmal stimme ich Ihnen zu – das Kyoto-Protokoll war insoweit ein Verhandlungserfolg, als dass es tatsächlich konkret überprüfbare Verpflichtungen geschaffen hat. Das Pariser Abkommen ist im Vergleich dazu eher ein zahnloser Tiger. Dort gibt es das Zwei-Grad-Ziel, aber die Staaten haben sich nicht auf konkret zu erfüllende, überprüfbare Bedingungen verständigen können. Zwar ist eine Vereinbarung zustande gekommen. Ihre Unverbindlichkeit hat aber praktisch dazu geführt, dass nicht genug Handlungsdruck entstanden ist. Handlungsleitend sollte sein, wie auch der Internationale Gerichtshof deutlich gemacht hat, dass alle dekarbonisieren müssen, unabhängig von internationalen Abkommen. Das auch umzusetzen, ist die Herausforderung. Die Naturwissenschaften haben gelernt, lokale Prozesse mit planetaren Entwicklungen zu verbinden. 

Heute brauchen wir eine vergleichbare Integrationsleistung zwischen den Naturwissenschaften, den Sozialwissenschaften und den Geisteswissenschaften, wobei gleichzeitig die spezifischen analytischen Stärken der verschiedenen Disziplinen zu berücksichtigen sind. Insbesondere gilt: Je besser Forschende aus den Wirtschaftswissenschaften, Sozial- und Politikwissenschaften, Philosophie und Geisteswissenschaften die Erdsystemwissenschaft verstehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir diese Agenda vorantreiben können. Dies erfordert gegenseitigen Respekt und Verständnis über Fächergrenzen hinweg. Eine solche Integration kann die Nachhaltigkeitsagenda befördern. Übrigens hat mir mein Besuch an der Universität zu Köln gezeigt, welch hohen Stellenwert Nachhaltigkeit und der Austausch darüber hier hat.

Kirk W. Junker: Es ist notwendig, dass wissenschaftliche Institutionen ihren Beitrag leisten. In Köln bemühen wir uns an vielen Stellen um kollaborative und kooperative Forschung zu Themen der Nachhaltigkeit, zum Beispiel in unseren Key Profile Areas Intelligent Methods for Earth System Sciences, Global South Studies und Sustainable Plant Production oder im Environmental Law Center. Aber auch neue Ideen in der disziplinären und interdisziplinären Forschung unterstützen wir strukturell mit einer verbindenden Plattform für alle Fächer: dem Sustainability Research Hub. Wir wollen Schritt für Schritt eine gemeinsame Kultur gelebter Nachhaltigkeit etablieren. 

 

Info
Die Planetary Boundaries sind für neun biophysikalischen Systeme und Prozesse definiert, die das Funktionieren lebenserhaltender Systeme auf der Erde regulieren und damit letztlich die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Erdsystems bestimmen. Sie folgen damit einem erdsystemwissenschaftlichen Ansatz, der Fachdisziplinen verbindet.
Weitere Informationen auf der Website  des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.

Videos
Albertus-Magnus-Professor 2026: Vorlesungen von Johan Rockström
 


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