Das Musikprojekt MP8 am Portugiesisch-Brasilianischen Institut lässt die Kultur der portugiesischsprachigen Länder in Köln lebendig werden. Hier erweitern Studierende außerhalb der Universität ihre musikalischen Fähigkeiten, vertiefen ihre Sprachkenntnisse – und erfahren etwas über Länder, die selten im Fokus stehen.
Von Mathias Martin
Es dauert einige Zeit, bis alle Musiker*innen vom Projeto MP8 an diesem Samstagmorgen zur Probe eintreffen und ihr Equipment aufgebaut haben. Vor allem der E-Gitarrist muss zunächst seine zahlreichen „Bodentreter“-Effektgeräte verkabeln, bevor er loslegen kann. Geprobt wird in einem kleinen, akustisch optimierten Konzertsaal in der Kölner Südstadt. Beim Aufbau geht es noch sehr entspannt zu. Doch beim Spielen muss jeder Ton sitzen. Darauf achtet Albertino Moreira, Lektor am Portugiesisch-Brasilianischen Institut.
Moreira hat das Projeto MP8 zusammen mit den beiden damaligen Studierenden Philipp Amoei und Kristina Eder 2018 gegründet. „Im Sprachkurs kam die Idee auf, vorhandene Talente im Musikbereich zu nutzen und das Sprachenstudium mit dem Musizieren zu verbinden“, erläutert der Brasilianisch-Lektor. „Wir haben zu Beginn nur für uns selbst gespielt. Dann hatten wir erste Auftritte, unter anderem im Rahmen des Kulturprogramms unseres Instituts.“ Das Publikum war begeistert. Es kamen weitere Studierende dazu, das Repertoire wurde ausgebaut und das Projekt nahm Gestalt an.
Von Anfang an ging es darum, über das Musizieren nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur der portugiesischsprachigen Welt kennenzulernen und zu vertiefen. Dazu gehören nicht nur Portugal und Brasilien – das Projeto MP8 fühlt sich auch den musikalischen Kulturen von Angola, Kap Verde, São Tomé und Príncipe, Guinea-Bissau, Mosambik und Ost-Timor verbunden. Diese acht Länder geben dem Musikprojekt auch seinen Namen: MP8 steht für „Música Popular dos Oito“. Das Projekt ist organisatorisch im Romanischen Seminar verankert und wird über das Programm ERASMUS+ vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert.
„Wir verbringen viel Zeit miteinander, in der wir keine Musik machen, sondern uns einfach unterhalten und austauschen“, sagt Moreira. „Oftmals sind sogar Muttersprachler bei uns zu Gast. Man kann so die Sprache in der Praxis kennenlernen und üben.“ Das Projekt hat sich dadurch zu einem Anlaufpunkt für Studierende entwickelt, die einen Teil ihres Studiums im portugiesischsprachigen Ausland verbringen und vorher ihre Sprachkenntnisse verbessern möchten. Es bietet zugleich Unterstützung für Studierende und Wissenschaftler*innen, die aus dem Ausland nach Köln kommen.
Eine Sprache, verschiedene Farben
An diesem Samstag probt die Gruppe für ein Konzert, das in der kommenden Woche in einem Café in Uni-Nähe stattfinden wird. Die Gruppe besteht derzeit aus den Sängerinnen Leilah Vasconcelos und Leonie Eckrich, dem Bassisten Valentin Klug, dem E-Gitarristen und Keyboarder Toti Clement, dem Gitarristen Professor Dr. Axel Rüth sowie Albertino Moreira, der singt und Cavaquinho, Gitarre und Pandeiro spielt. Vasconcelos, Eckrich und Klug haben das Projekt vor einigen Jahren während ihres Studiums kennengelernt und sind seitdem dabeigeblieben. Bereits zwei Wochen zuvor sind die Musiker*innen zusammen mit weiteren Künstler*innen beim „Tanto Mar“-Festival im Club Bahnhof Ehrenfeld aufgetreten. Das Kölner Festival der portugiesischsprachigen Länder, das übersetzt „So viel Meer“ bedeutet, wird seit 2017 alle zwei Jahre vom Portugiesisch-Brasilianischen Institut organisiert.
Das Programm für das nun anstehende Konzert im Café ist umfangreich – achtzehn Stücke müssen eingeübt werden. Es ist zudem sehr anspruchsvoll – die Stücke stammen etwa zur Hälfte aus den afrikanischen Ländern. Dabei müssen sich die Musiker*innen mit sehr unterschiedlichen Rhythmen sowie mit Songtexten in kreolischen und afrikanischen Sprachen auseinandersetzen. „Der rote Faden ist die portugiesische Sprache. Sie hat aber verschiedene ‚Farben‘, wie zum Beispiel kreolische Sprachen von den Kapverden oder São Tomé und Príncipe. Hinzu kommen die afrikanischen Sprachen in Angola und Mosambik, die dort zusammen mit der Amtssprache Portugiesisch gesprochen werden“, so Moreira.
Das vielfältige und komplexe Repertoire bedeutet für die Musiker*innen, dass sie sich die Lieder mehrmals im Original anhören müssen, um Noten und Rhythmus nachvollziehen zu können. „Wenn man eine Sprache nicht kennt, wie bei kreolischen Liedern von den Kapverden, dann ist beim Singen die Phrasierung schwierig“, sagt Sängerin Leonie Eckrich. „Manche Stücke sind rhythmisch sehr komplex, besonders wenn es afrikanische Rhythmen sind“, pflichtet ihr Valentin Klug bei, der das Projekt zeitweise auch als Schlagzeuger unterstützt. Aber auch brasilianische Lieder sind manchmal nicht einfach zu spielen. Abgesehen von der international bekannten Mainstream-Musik gibt es in Brasilien viele verschiedene Musikrichtungen und Ausprägungen. „Die Rhythmik ist dort im Vergleich zu europäischer Musik weniger stringent. Es wird viel mit vorgezogenen oder verzögerten Notenwerten gearbeitet, wodurch die Musik klingt, als hätte sie ein Eigenleben“, erläutert Klug.
Im Zweifelsfall: Crossover
Falls die Gruppe mal beim Spielen eines neuen Stückes nicht weiterkommt, hat sie einen Ausweg im Crossover gefunden, indem sie Musikstile miteinander mischt. „Als Folge der damaligen Kolonisation gibt es zwischen den portugiesischsprachigen Ländern eine gemeinsame Musikalität, ich nenne das ‚südatlantische Musikkultur (oder Musikalität)‘. Die Musik in den Ländern ist zwar verschieden, es gibt aber Gemeinsamkeiten, die ein Crossover erleichtern“, so Moreira. Die Musiker*innen versuchen dann beispielsweise, den für sie schwierigen Rhythmus in einem angolanischen Stück durch einen vertrauten Rhythmus aus Brasilien zu ersetzen. Dabei entstehen eher zufällig sehr interessante Stil-Mischungen, die auf Konzerten beim Publikum meist großen Anklang finden.
Die Musiker*innen empfinden bei der Interpretation ihrer Stücke eine große Verantwortung und zugleich eine Unsicherheit. „Ist das okay, wie ich das wiedergebe? Ist das überhaupt etwas, über das ich sprechen kann?“, fragt sich Leilah Vasconcelos manchmal. „Wir geben ja durch unsere Musik fremde Kultur weiter. Aber wie macht man das respektvoll?“ Denn nicht nur Rhythmus und Sprache, auch die Kulturen und Geschichte der jeweiligen Länder sind den Mitgliedern von Projeto MP8 oft nur wenig vertraut. Es gibt hin und wieder Songpassagen, bei denen die Künstler*innen nicht genau wissen, was sie bedeuten und was mit ihnen ausgedrückt werden soll. Dadurch entsteht ein gewisser Druck – besonders, wenn im Publikum Besucher*innen aus denjenigen Ländern sitzen, deren Lieder sie präsentieren. „Die bisher positive Resonanz des Publikums zeigt uns aber, dass sich die Menschen von uns auf der Bühne repräsentiert fühlen “, sagt Moreira.
Das Programm für ein Konzert entwickelt sich aus der Gruppe heraus. „Wenn wir von einem Song begeistert sind, sehen wir es als Herausforderung, diesen Song zu interpretieren – auch wenn Text oder Musik am Anfang zunächst kompliziert erscheinen. Wir erschließen uns dann die Noten und den Songtext“, sagt Vasconcelos. Alle können ihre Kompetenzen und Fähigkeiten einbringen und voneinander profitieren. „Unser Projekt ist offen für alle. Jeder kann vorbeikommen, sich ausprobieren und dann entscheiden, wie er oder sie mitmachen will.“ „Das Projekt ist vielleicht für manch einen sogar ein Anlass, sich intensiver mit Portugiesisch oder Brasilianisch zu beschäftigen“, fügt Eckrich hinzu, die selbst ergänzend zu ihrem Spanisch-Studium und motiviert durch ihre Teilnahme am Projekt MP8, Portugiesisch gelernt und danach Brasilien besucht hat.
Weitere Infos:
https://musicapopulardos8.com/
Instagram: @musicapopulardos8.com
Video: „Tanto Mar“-Festival 2025
https://www.youtube.com/watch?v=6rP8NL9V1Yg