Beide Medikamente wirken auf das abgelagerte Amyloid im Gehirn. In höherem Alter nimmt dessen Konzentration zu. Bei Alzheimerpatient*innen verklumpt das Eiweiß, statt wie bei gesunden Personen abgebaut zu werden. Lecanemab attackiert es, bevor es die Plaques bildet, Donanemab bekämpft bereits bestehende Plaques. »Beide Wirkstoffe sind tatsächlich ein Durchbruch«, sagt Frank Jessen, »denn bisherige Medikamente bekämpfen die Symptome, nicht aber die Ursachen.« Allerdings müssen sich beide Wirkstoffe noch in der breiten Anwendung bewähren.
Um der Krankheit so früh wie möglich Paroli zu bieten, forschen global vernetzte Teams an weiteren Optionen. So zeigten Forschende aus der Genetik und Neurologie der Universität Harvard kürzlich, dass ein Mangel des Spurenelements Lithium zumindest bei Mäusen die Alzheimer-typischen Veränderungen im Gehirn beschleunigen kann. Das fehlende Lithium lässt Nervenzellen schneller altern und macht sie damit anfälliger für Schädigungen. Frank Jessen empfiehlt dennoch keine vorsorgliche Einnahme des Wirkstoffs: »Bei der Behandlung von Alzheimer zeigt Lithium keinen nachweislichen Ef-fekt. Ob und in welcher Dosis es präventiv wirksam sein kann, müssten Langzeitstudien erst noch belegen. Dabei sollten wir die Nebenwirkungen hoher Dosen von Lithium nicht außer Acht lassen.«
Medikamente gegen Diabetes könnten sich jedoch als hilfreich bei der Vorbeugung herausstellen, da sie Entzündungen im Gehirn reduzieren können. Auch eine gute Mundhygiene ist wichtig, denn eine chronische Entzündung wie Parodontitis ist ebenfalls ein möglicher Risikofaktor für Demenz.
Der eigene Hebel
Die gute Nachricht also: Vieles haben wir selbst in der Hand. Frank Jessen erforscht daher auch, wie genau der persönliche Lebensstil das individuelle Risiko beeinflusst. Die Statistik beweist, wie erfolgreich Prävention ist. »Obwohl die Zahlen der Alzheimerpatienten rein durch die wachsende Gruppe älterer Menschen steigen, erkranken heute anteilig trotzdem weniger Personen als noch vor dreißig Jahren«, so der Psychiater. Der Grund: Die Menschen achten besser auf sich. »Gesunde Ernährung, Bewegung, gutes Sehen und Hören, soziale Interaktion und Freude an kognitiver Herausforderung sind die beste Vorbeugung«, erklärt Jessen. »Man kann sein Demenzrisiko beeinflussen. «
Schlechtes Hören ist ein gutes Beispiel für falsch verstandene »Alterszipperlein«. Hörverlust führt nicht nur zu weniger kognitiven Reizen im Gehirn. Menschen, die schlecht hören, meiden häufig soziale Kontakte, was die Reize noch weiter reduziert. Dabei sind gerade sie das Training fürs Gehirn. Frank Jessen: »Das Problem nachlassender Sehkraft lösen wir selbstverständlich mit einer Brille. Aber schleichenden Hörverlust tolerieren die Menschen viel zu lang.« Der beginne übrigens manchmal schon im mittleren Alter.
Apropos mittleres Alter. »Wer nur gelegentlich etwas vergisst, altert altersgerecht «, beruhigt Jessen. »Aber wer über mehrere Monate konsistente Gedächtnisverschlechterung bei sich feststellt, sollte sich testen lassen.« Denn im frühen Stadium sind die Interventionsmöglichkeiten am größten. Das Zeitfenster ist eng, bevor das Gehirn irreparabel geschädigt wird. Angehörige oder Freunde können helfen, Menschen, die sich nicht untersuchen lassen möchten, frühzeitig zum Hausarzt zu lotsen, und sind deshalb eine große Hilfe. Denn die Unfähigkeit, die Krankheit selbst wahrzunehmen, ist leider manchmal ein Teil der Krankheit. Das Zentrum für Gedächtnisstörungen, das die Neurologie und Psychiatrie der Uniklinik gemeinsam betreiben, bietet eine Frühdiagnose und Behandlung an.
Die nächste Generation Medikamente
Die Alzheimerforschung wäre weiter, stünde ihr mehr Geld zur Verfügung. Darin sind sich Ramírez und Jessen einig. Doch woran scheitert es? »Alzheimer wird oft nicht als Gehirnkrankheit, sondern vor allem als ein Thema der Pflege gesehen«, bringt es Frank Jessen auf den Punkt. Auch Alfredo Ramírez fordert mehr Förderung: »Es ist wichtig, dass die Verantwortlichen erkennen: Es muss sehr viel mehr Geld in die Forschung fließen, damit wir bei der Demenz so weit kommen wie bei Krebs.« Beispielsweise müsse in Projekte investiert werden, die enorm große Datensätze generieren. In ihrer Auswertung schlummert wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn. »Das ist doppelt wichtig, weil es auch Gene gibt, die offensichtlich vor Alzheimer schützen«, ergänzt Ramírez. »Das könnte bei der Entwicklung neuer Therapien helfen.«
Die Kölner Alzheimer-Expert*innen forschen weiterhin an neuen Wegen zur Prophylaxe, Früherkennung und Verzögerung des Krankheitsverlaufs. Das Team um Alfredo Ramírez hat ein Ziel: »Wir müssen besser verstehen, welche Gene betroffen sind und wie sie miteinander korrelieren.« Vieles passiere aber auch durch Zufall. Ramírez erweckt daher keine falsche Hoffnung auf ein Wundermedikament, das allen hilft. »Manche Alzheimerpatienten müssen starke Nebenwirkungen in Kauf nehmen oder können schlimmstenfalls bestimmte Medikamente gar nicht bekommen. Deshalb müssen wir auch durch genetische Forschung eine zweite oder dritte Generation von nebenwirkungsärmeren Medikamenten entwickeln.« Ein Durchbruch wäre es, Alzheimer frühzeitig anhand von Biomarkern feststellen zu können. Dann würden viele Menschen eine fortgeschrittene Demenzstufe gar nicht mehr erreichen, so der Forscher.
Sicher ist: In zehn bis dreißig Jahren werden sich die Therapieformen ausdifferenzieren und individueller werden. Personalisierte Medizin könnte maßgeschneiderte Therapien auf der Grundlage von individueller Genetik und biomolekularem Profil ermöglichen. Dieser Ansatz ist umso wichtiger, weil er die Geschlechterunterschiede beim Ausbruch und Verlauf der Krankheit berücksichtigen kann. Hinzu kommt Künstliche Intelligenz. Veränderungen in Sprache und Bewegung werden sich leichter analysieren lassen, auch die mühsame Entwicklung von Medikamenten dürfte sich beschleunigen. »KI wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, auf neue Forschungsansätze zu kommen«, sagt Alfredo Ramírez. »In Zukunft lassen sich mit Genetik und Biomarkern vielleicht Algorithmen entwickeln, mit denen Menschen mit Alzheimerrisiko sehr frühzeitig identifiziert werden können. «
Was wäre denn schon jetzt eine durchschlagende Wende im Kampf gegen Alzheimer? Da lacht Frank Jessen und sagt: »Ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren! Je länger unser Gehirn gefordert wird, desto besser ist es vor Demenz geschützt.«