Für Nierenerkrankte zahlt sich Müllers Ausdauer womöglich bald aus. Er und sein Team haben erkannt, dass eine bestimmte kleine RNA (microRNA) in der Regulation des für Zystennieren am häufigsten ursächlichen Gens PKD1 eine wichtige Rolle spielt. »Wir haben diesen Ansatz über Jahre verfolgt und ihn 2006 auf dem Deutschen Kongress für Nephrologie vorgestellt«, erzählt der Mediziner. Eine Arbeitsgruppe in den USA forschte parallel, ein kleines Unternehmen stellte darauf basierend Hemmstoffe für diese microRNA her. Es zeigte sich deutlicher als jemals vermutet: Dieser Weg scheint richtig zu sein. Prompt kaufte der Pharmariese Novartis die Firma auf. Müller freut sich: »Damit ist jetzt Geld im System und 2026 beginnt voraussichtlich die Phase IIIStudie. «
KI als Beschleuniger
Bürokratieabbau ist ein weiteres Feld, das Cornely und Müller beackern. Etwa, wenn dringende Forschungsanträge im Posteingang versauern. »Wir wollen keine Entwicklung auf Kosten der Patientensicherheit beschleunigen«, sind sich beide einig. Aber bisher arbeiteten die deutschen Behörden und die Ethikkommission eingereichte Studien nicht nach Priorität, sondern nach Eingangsstempel ab. »Würden solche Einreichungen sofort beantwortet, könnte der Wirkstoff schneller weiterentwickelt werden«, mahnt Cornely. Und Müller ergänzt generell: »Im rein administrativen Bereich erleben wir große zeitliche Reibungsverluste.«
Gut, dass an anderer Stelle künstliche Intelligenz die Prozesse beschleunigt. Genau hier verfügt das CECAD über einen Schatz. Forschende, die eine neue Studie aufsetzen wollen, finden zehntausende anonymisierte Daten aus krankheitsspezifischen Kohorten und Vergleichswerte gesunder Proband*innen. Der Fundus reicht bis zu ›Real‑World‑Evidence‹, dem Praxischeck neuer Therapieansätze. Künstliche Intelligenz analysiert und verknüpft dafür Bilddaten, Laborwerte, Genomik, Arztbriefe und Verlaufsdaten. KI findet so schneller prädiktive Marker, potenzielle Wirkstoffkandidaten – und mögliche Nebenwirkungen.
Cornely und sein Team nutzen die KI auch für die praxisnahe Weiterentwicklung von Behandlungsleitlinien. Sie wollen wissen, wie sich die Anwendung neuer Therapien bei Ärzt*innen und Pflegenden bewährt. »Deshalb entwickeln wir zu jeder neuen Leitlinie Handreichungen per App oder Pocket Cards in vielen Sprachen«, freut sich Cornely. »Damit können wir die Nutzung und Leitlinienbefolgung aller Beteiligten messen und die Qualität der Behandlung ableiten. « Dank der Rückmeldungen direkt in der App erkennt sein Team schnell, bei welcher Empfehlung der Workflow nachjustiert werden muss. Auch dieses Projekt schlägt Wellen weit über den Rhein hinaus. »Über unsere wissenschaftlichen Netzwerke stehen wir dafür mit Kolleginnen und Kollegen in 96 Ländern in ständigem Kontakt«, berichtet Cornely nicht ohne Stolz.
Die Lage kranker Menschen zu verbessern, daran arbeiten Müller und Cornely mit ihren Teams unter großem persönlichem Einsatz. Und gesegnet mit großer Ausdauer, man könnte auch sagen: Leidensfähigkeit. »Viele Studien- oder Förderanträge schreiben wir nachts nach Dienstschluss«, berichtet Müller, »über den Tag haben wir da gar keine Zeit für.« Am Ende steht und fällt der Transfer vom Labor ans Krankenbett mit dem Einsatz aller Beteiligten. »Abstrampeln und Ideenreichtum, das ist unser Weg«, nennt es Cornely.
CECAD Translational Platform
Professor Dr. Oliver Cornely, Dr. Ruth Hanssen und Professor Dr. Roman-Ulrich Müller leiten die translationalen Aktivitäten des Exzellenzclusters. Die Plattform umfasst das CECAD Institute of Translation (CIT), das Clinical Trials Center Cologne (CTCC), das CECAD Clinical Study Design Lab und die CECAD-Biobank. Außerdem koordiniert sie ein großes Netzwerk interner und externer Partner.