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Astronomie

Auf den Spuren des Urknalls

In der chilenischen Atacamawüste entsteht unter Kölner Beteiligung eines der leistungsstärksten Radioteleskope der Welt.

In der chilenischen Atacamawüste entsteht unter Kölner Beteiligung eines der leistungsstärksten Radioteleskope der Welt, welches bis zu den Ursprüngen unseres Universums zurückschauen wird. Der Bau des Hightech-Teleskops in Deutschland, die Überfahrt der tonnenschweren Teile nach Chile, der Aufbau auf 5.600 Metern Höhe und die erhofften wissenschaftlichen Erkenntnisse: Das Vorhaben ist eine Reise an die Grenzen des Machbaren. 

Von Jürgen Rees

Die Sonne verbrennt die Haut in Minuten, die Luft ist so sauerstoffarm, dass das Atmen mit jedem Schritt schwerer fällt. Die Ingenieure und Techniker arbeiten deshalb mit zusätzlichem Sauerstoff und dürfen ihren anstrengenden Schichtdienst aus Sicherheitsgründen und um ihre Gesundheit zu schützen um keine Minute überziehen. Wer hier auf 5.600 Metern Höhe arbeitet, muss auch ein bisschen Abenteurer sein: Für jeden Arbeitstag in dieser Höhe ist ein Tag Aufenthalt unterhalb von 2.700 Metern Pflicht und Monteure dürfen nicht länger als 13 Tage am Stück oben bleiben. 

Die höchstgelegene Baustelle der Welt ist für Mensch und Maschine gleichermaßen eine Herausforderung: Im Schritttempo ächzen selbst PS-starke Speziallaster mit den tonnenschweren Einzelteilen des Teleskops dem Gipfel des Berges Cerro Chajnantor in Chile entgegen. Manche Laster müssen von noch stärkeren Baggern gezogen werden, damit sie den staubig-steinigen Serpentinenweg nach oben überhaupt schaffen.

Mitten in der trockensten Wüste der Welt, der chilenischen Atacamawüste, entsteht ein Tor zur Vergangenheit des Universums: Im Januar 2025 startete das Teleskop – noch in seine Einzelteile zerlegt – seine Reise nach Chile: vom Hafen in Wesel wurden die Komponenten nach Antwerpen transportiert, wo sie auf ein Schwergutschiff verladen wurden. Nach sechs Wochen Seereise zum chilenischen Hafen Antofagasta ging es 450 Kilometer per LKW in die Atacamawüste und schließlich auf den Gipfel. Dort begann die schwierige Montagearbeit. Die Inbetriebnahme des Teleskops, das sogenannte »first light«, ist für den Sommer 2026 geplant.

Konzipiert, entwickelt und gebaut wird das Teleskop-Projekt von der CCAT Observatory Inc., einem internationalen Konsortium, dem neben der Universität zu Köln die Cornell University in den USA, die Universität Bonn, das Max-Planck- Institut für Astrophysik sowie ein kanadisches Universitätsnetzwerk angehören. Finanziert wird es durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und private Förderer wie Fred Young, Alumnus der Cornell University. 

Das älteste Licht des Universums sehen

Für den Astrophysiker Dr. Ronan Higgins vom I. Physikalischen Institut der Universität zu Köln ist das ein großartiger Moment, auf den der ursprünglich aus Irland stammende Wissenschaftler lange gewartet hat: »Ich freue mich ganz besonders zu sehen, dass die Hightech- Komponenten des Teleskops die weite Reise von Deutschland nach Chile heil überstanden haben und jetzt zusammengebaut werden können.« Als stellvertretender Projektingenieur ist Higgins so vertraut mit dem neuen Hochleistungsteleskop wie kaum ein anderer. In der trockenen, dünnen und damit transparenten Atmosphäre versprechen er und die vielen anderen am Projekt beteiligten Wissenschaftler*innen sich Antworten auf die großen Fragen der Menschheit.

Die beteiligten Forschenden wollen beispielsweise das älteste Licht des Universums beobachten, das kaum vorstellbare 13,8 Milliarden Jahre alt ist und so entscheidende Informationen über den Urknall und die Geburt der ersten Sterne liefern kann. Aber nicht nur die Vergangenheit interessiert die Wissenschaftler*innen: Wie entstehen Sterne und Galaxien heute? Lässt sich die kosmische Hintergrundstrahlung messen und liefert das Teleskop Hinweise, wie die sogenannte Dunkle Materie und Dunkle Energie die Ausdehnung des Universums beeinflusst haben? »Eine große Frage ist beispielsweise, warum die Rate der kosmischen Entstehung von Sternen sich verändert und im Moment gerade rückläufig ist«, sagt Professor Dr. Dominik Riechers vom I. Physikalischen Institut, Leiter des deutschen CCAT-Konsortiums und Mitglied des Aufsichtsrats. »Wenn wir das verstehen, könnten wir begreifen, wie sich das Universum weiterentwickelt. «

Warum findet diese Forschung ausgerechnet rund 12.000 Kilometer entfernt von Deutschland in Chile statt? Die Atacamawüste ist der trockenste Ort der Erde, im Jahresmittel fällt hier nur etwa ein Fünfzigstel der Regenmenge, die im Death Valley in den USA – einem der heißesten und trockensten Orte der Welt – gemessen wird. Die klare, wasserdampfarme Luft lässt die Strahlung aus dem All nahezu ungehindert passieren. »Das große Gesichtsfeld des Fred Young Submillimeter Teleskops und die trockene Atmosphäre erlauben beispiellos tiefe Kartierungen des Himmels«, sagt Riechers. 

Altes Licht wird ausgedehnt 

Das Teleskop wird federführend umgesetzt durch die Duisburger Firma CPI Vertex Antennentechnik. Deren hochpräzise Teleskope finden sich bereits auf der ganzen Welt, auch in der Atacama-Wüste. Sven Kümmel, Ingenieur bei CPI Vertex, begleitet ebenfalls die letzte Phase des Baus vor Ort: »Es ist eigentlich ein totaler Widerspruch: Zum einen haben wir ein Hochpräzisions-Teleskop, zum anderen haben wir hier Dreck, Staub, Wind, Schnee, Eis. Das ist eine Herausforderung.« 

Das Herzstück des Teleskops sind zwei sechs Meter große Spiegel aus Aluminium und Kohlefaser. Die Spiegeloberfläche muss möglichst plan sein, damit das Teleskop weit und exakt ins All blicken kann. »Wir sprechen hier von einer Toleranz von zehn Mikron über jeden der beiden Spiegel – ein menschliches Haar hat ein Durchmesser von etwa achtzig Mikron«, erklärt Ronan Higgins. Als »Augen« des Teleskops fungieren die beiden Weitwinkelkameras CHAI und PrimeCam. Sie empfangen Strahlung im sogenannten Submillimeterbereich – Licht, das seit Milliarden Jahren unterwegs ist.

Was genau macht die Radioastronomie im Submillimeterbereich aus? In der Astronomie und Physik bezieht sich der Begriff auf Submillimeterwellen (auch als Terahertzwellen bekannt) mit Wellenlängen zwischen etwa einigen Hundert Mikrometern und einem Millimeter, die im Bereich zwischen Mikrowellen und Infrarot liegen. Viele Objekte und Vorgänge im Universum, die von großem Interesse sind, zum Beispiel die Sternentstehung, emittieren lediglich Strahlung im Submillimeterbereich. Die Astronom*innen können auf diese Weise sowohl extrem kalte Objekte – wie beispielsweise die dichten Wolken von interstellarem Gas und Staub, in denen sich neue Sterne bilden – als auch sehr weit entfernte Objekte im frühen Universum erforschen. Im letzteren Fall hat die Ausweitung des Universums das Licht von diesen entfernten Objekten »ausgedehnt«. Daher sind die Wellen im Submillimeterbereich sichtbar.

Die Wellen können auch Staubwolken durchdringen, die für sichtbares Licht undurchdringlich sind. Das ermöglicht die Beobachtung von Bereichen der Sternentstehung und die Untersuchung der chemischen Zusammensetzung von interstellarem Gas. Somit bilden die Radiowellen eines der wenigen Fenster, durch das Wissenschaftler*innen das gesamte Universum vom Boden aus erforschen können.

Bis an die Grenzen der Physik

Noch wasserdampfärmer als auf dem Gipfel des Cerro Chajnantor wäre es natürlich im Weltall. Doch der Standort in Chile ist für die technischen Erfordernisse des FYST optimal, denn es ist zu groß, als dass es mit einer Rakete transportieren werden könnte. Sein Montageort bietet somit Beobachtungsbedingungen, die denen im Weltraum so nahe wie möglich kommen. 

Die Submillimeter-Strahlung stammt zum Beispiel aus Staub- und Molekülwolken, die weit entfernte Schwarze Löcher und sternenreiche Galaxien umgeben. »Das geht«, sagt Astrophysiker Higgins, »an die Grenzen der Physik.« Dafür wird das neue Teleskop bei der Geschwindigkeit seiner Bildgebung und seiner Empfindlichkeit das leistungsstärkste Teleskop der Welt sein. Es wird die Entstehung von Sternen und Galaxien von der frühen »kosmischen Dämmerung« kurz nach dem Urknall bis zum »kosmischen Mittag «, als die meisten der heutigen Sterne entstanden sind, detailliert darstellen und Einblicke in die kosmische Ausdehnung und Gravitationswellen seit dem Urknall geben.

Der Aufwand lohnt, da sind sich nicht nur die Wissenschaftler*innen, sondern auch Geldgeber Fred Young sicher: »Unser Submillimeterteleskop der Spitzenklasse am wahrscheinlich besten Standort der Welt für diese Wellenlänge wird für viele Astronominnen und Astronomen die Grundlage für bedeutende Forschungsarbeiten in den kommenden Jahren bilden.« Neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die die Welt und das All ein wenig verständlicher machen, entstehen womöglich Technologien, die weit über die Astronomie hinauswirken. »WLAN, GPS oder Digitalkameras sind schließlich alles Nebenprodukte astronomischer Forschung «, erinnert Higgins.

Auch Studierende der Uni Köln profitieren von der Entwicklung und dem Bau des Hightech-Teleskops: Sie bauen Empfänger für die Submillimeter-Strahlung und helfen, den komplexen Spiegel exakt auszurichten. »Es ist diese Art von Erfahrung, die die nächste Generation von Forschenden formt«, so Higgins. Bei vergleichbaren Weltklasse-Teleskopen erhalten die Studierenden in der Regel nur verarbeitete Daten, mit denen sie arbeiten können. Beim FYST hingegen sind sie in den gesamten Prozess eingebunden, einschließlich der Bedienung des Teleskops, der Erfassung und Verarbeitung von Daten und der wissenschaftlichen Auswertung.

Mitte nächsten Jahres ist es so weit: Nach rund sieben Jahren Bauzeit schaut das Teleskop zum ersten Mal tief ins Weltall – pünktlich zum Beginn des neuen Exzellenzclusters der Uni Köln namens DYNAVERSE, für dessen Erfolg die neuen Daten essentiell sein werden. Es werden dann die empfindlichsten Augen der Erde sein – bereit, das älteste Licht des Universums einzufangen. 


DYNAVERSE – Der neue Exzellenzcluster zwischen den Universitäten Köln und Bonn, dem Forschungszentrum Jülich, dem Max- Planck-Institut für Radioastronomie, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und dem Heidelberger Institut für Theoretische Studien wird als weltweit führendes Kompetenzzentrum für Radioastronomie, Laborexperimente, Simulationen und maschinelles Lernen/ künstliche Intelligenz aufgebaut. Sprecherin ist Professorin Dr. Stefanie Walch-Gassner an der Universität zu Köln.


Das CCAT-Konsortium (Cerro Chajnantor Atacama Telescope) ist für den Bau der Instrumente verantwortlich, die auf dem Fred Young Submillimeter Teleskop (FYST) eingesetzt werden, sowie für die Beobachtung, die Analyse der Daten und die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Ergebnisse. Das FYST mit seinem Spiegeldurchmesser von sechs Metern ist für den Betrieb im Submillimeter- bis Millimeterwellenbereich ausgelegt. Es wird aktuell an seinem Standort auf 5.600 Metern Höhe auf dem Cerro Chajnantor mit Blick auf das internationale ALMA-Array aufgebaut. Das neuartige optische Design des FYST ermöglicht einen hohen Durchsatz und ein großes Sichtfeld, das den Himmel sehr schnell und effizient kartografieren kann. Die Bauphase wird voraussichtlich 2026 abgeschlossen sein und das Teleskop ist dann bereit für seine Inbetriebnahme. 

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