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Soziologie

Als »Jeck« aufgefangen werden

Eine »Jeckenstudie« zeigt: Im Kölner Karneval aktiv sein, macht nicht nur Spaß, sondern kann auch die Gesundheit fördern.

Im Kölner Karneval aktiv sein, macht nicht nur Spaß, sondern kann auch die Gesundheit fördern. Das zeigt eine »Jeckenstudie« von drei Wissenschaftlerinnen am Department für Soziologie und Sozialpsychologie. Die Befragung macht deutlich: Für Mitglieder von Karnevalsgesellschaften bedeutet der Verein mehr als nur gemeinsames Feiern. 

Von Mathias Martin 

Es beginnt mit einem großen weißen Blatt Papier, das Dr. Paula Steinhoff vor Anna* auf den Tisch legt. Die Soziologin bittet die ältere Dame, einen Post-it-Klebezettel, der mit »Ich« beschriftet ist, auf die Mitte des Blattes zu kleben. Anna ist Schatzmeisterin in einem kleinen Karnevalsverein im Kölner Umland. Unterstützt von der Soziologin soll sie nun auf dem Blatt ihre Kontakte zu den anderen Mitgliedern des Vereins mit weiteren Post-its darstellen und dabei unterscheiden, wie eng die jeweiligen Kontakte sind und ob sie sie als angenehm oder eher anstrengend empfindet. Anschließend markiert Anna, wie die anderen Vereinsmitglieder in ihrer Wahrnehmung untereinander in Beziehung stehen. 

»Das Erstellen dieser sogenannten Netzwerkkarten ist eine gute Möglichkeit, mit den Vereinsmitgliedern ins Gespräch zu kommen und auf diese Weise etwas über ihre sozialen Beziehungen zu erfahren«, erläutert Dr. Steinhoff, die bei Studienleiterin und Heisenberg- Professorin Dr. Lea Ellwardt am Department für Soziologie und Sozialpsychologie (DSS) promoviert hat. »Das Visualisieren hilft dabei, sich an alle relevanten Beziehungen zu erinnern und keine Personen zu vergessen.«

Die Forscherinnen, zu denen neben Professorin Lea Ellwardt und Dr. Paula Steinhoff noch Dr. Amelie Reiner zählt, interessieren sich für soziale Beziehungen in der zweiten Lebenshälfte – vor allem für Kontakte und Netzwerke, die im Freizeitbereich bestehen. Für ihre »Jeckenstudie«, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, haben sie ehrenamtlich tätige Mitglieder von Karnevalsgesellschaften zu ihren sozialen Beziehungen im Verein befragt. Die Wissenschaftlerinnen haben in den Jahren 2022 und 2023 mit 28 Vereinsmitgliedern im Alter von 45 bis 80 Jahren qualitative, teilstrukturierte Interviews durchgeführt und zudem von 114 Mitgliedern (Altersspanne von 23 bis 86 Jahre) in drei Vereinen Informationen zu ihren sozialen Kontakten über einen standardisierten Online-Fragebogen erhoben, der jeweils allen Mitgliedern zugesandt wurde.

Für alle offen

In dem Forschungsprojekt geht es darum, inwieweit sich die ehrenamtlichen Aktivitäten der Jecken im Verein positiv auf die Gesundheit und das soziale Wohlbefinden auswirken und ein gesundes Altern unterstützen können. »Die Forschung zu sozialen Netzwerken hat sich bisher auf Familien und soziale Beziehungen am Arbeitsplatz fokussiert und kaum auf Gruppen im Freizeitbereich, wie beispielsweise Vereine«, sagt Ellwardt. »Anders als im Arbeitsbereich stehen in der Freizeit die Mitglieder in einem Verein miteinander in Kontakt, ohne dass dies formal vorgegeben ist.« Im Karnevalsverein übernehmen die »Jecken« freiwillig Aufgaben und entscheiden selbst, mit wem sie in Kontakt treten möchten.

Die Studie soll bis Mitte 2026 vollständig ausgewertet und abgeschlossen sein. Wieso sich die Wissenschaftlerinnen für Karnevalsvereine entschieden haben, erläutert Ellwardt: »Für uns war wichtig, dass der Verein im Freizeitbereich aktiv ist und für alle offen steht. Es sollte keine Einschränkungen geben, beispielsweise wegen mangelnder Fitness, geringer musikalischer Kenntnisse oder aus politischen oder religiösen Gründen.« Und der Verein sollte nach Aufhebung der Corona-Beschränkungen, die zu Beginn der Studie noch in Kraft waren, schnell wieder aktiv werden – Karnevalsvereine erfüllten alle diese Voraussetzungen.

Zum Mitmachen angesteckt

Damit, wie im Studiendesign vorgeschrieben, alle Jecken untereinander in Kontakt treten können, haben die Soziologinnen nur kleine Karnevalsgesellschaften mit jeweils etwa fünfzig Mitgliedern in Köln und im Kölner Umland befragt. So können sich die Wissenschaftlerinnen ein möglichst vollständiges Bild über die sozialen Netzwerke im Verein machen und erkennen, wie sich die einzelnen Mitglieder in ihrem Handeln und in ihren Einstellungen gegenseitig beeinflussen.

Die Auswertung der qualitativen, teilstrukturierten Interviews zeigt: Mitglieder, die sehr viel Zeit ehrenamtlich im Karnevalsverein verbringen, weil sie dort zum Beispiel Ämter übernommen haben oder größere Events organisieren, stimmen dies meist eng mit ihrer Familie ab. Häufig werden andere Familienmitglieder zeitweise in die Vereinsarbeit mit eingebunden, beispielsweise um Speisen für Veranstaltungen vorzubereiten oder den Nachwuchs zu betreuen. Das Netzwerk »Karnevalsverein« ist somit bei vielen Mitgliedern eng mit ihrem Netzwerk »Familie « verknüpft. Kinder und Jugendliche werden dabei manchmal in ihrer Begeisterung für den Verein von den Eltern »angesteckt« und finden so auch ihren Weg zu den Jecken.

Gebraucht werden

Aber was motiviert Menschen überhaupt dazu, in einem Karnevalsverein aktiv zu sein? Erstaunlicherweise ist es häufig nicht der Karneval selbst. »Wir haben in unseren qualitativen Interviews oft gehört, dass es vielen Befragten gar nicht so sehr um den Karneval geht, sondern darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein«, sagt Ellwardt. »Einige haben gesagt, dass sie sich nach ihrem Renteneintritt vorgenommen haben, noch bei einer zweiten oder dritten Karnevalsgesellschaft mitzumachen. « Die Mitglieder motiviert, dass es im Verein Andere gibt, mit denen sie gemeinsame Interessen in Bezug auf den Karneval teilen. Es ist für sie eine Bestätigung, dass ihr Hobby auch von anderen anerkannt wird. 

Gerade älteren Mitgliedern gibt der Verein gute Möglichkeiten, mitzuwirken und wertgeschätzt zu werden. »Für ältere Menschen ist es besonders wichtig, lokal etwas mit anderen Menschen zusammen machen zu können, da ihre Mobilität häufig eingeschränkt ist«, sagt die Soziologin. Dabei spielt das Gefühl, dazuzugehören, eine wichtige Rolle. »Ich kann im Verein etwas bewegen, werde gebraucht und sehe, dass ich die anfallenden Aufgaben auch bewältigen kann«, gab eine Teilnehmerin in dem Interview mit den Wissenschaftlerinnen an. »Das gibt mir das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, was ich früher in meinem Beruf vermisst habe.«

Jecken unterstützen sich

Mithilfe der standardisierten Online-Fragebögen wollten die Wissenschaftlerinnen erfahren, ob sich die Jecken im Verein auch über sensible Themen wie die Gesundheit austauschen. »Die Online-Befragung zeigt, dass sich viele Mitglieder medizinischen Rat  sogar von Personen im Verein holen, zu denen sie keine enge Beziehung haben. Nur etwa ein Drittel der Mitglieder, an die man sich wendet, sind enge Freunde«, sagt Dr. Amelie Reiner, die in der Studie die quantitative Befragung geleitet hat. »Dabei wurden Frauen im Vergleich zu Männern eher als kompetente Ratgeberinnen bei Gesundheitsfragen wahrgenommen. «

Das bedeutet allerdings nicht, dass im Verein immer gezielt nach medizinischem Rat gefragt wird. Häufig findet der Austausch über gesundheitliche Themen eher beiläufig oder situativ statt. Die Studie zeigt, dass lockere Bekanntschaften mit anderen Jecken für den Austausch über Krankheiten und ihre Behandlung von Bedeutung sind und die Gesundheit fördern können.

Im Kern bestätigt die bisherige Auswertung der Jeckenstudie, dass für die offen strukturierten Karnevalsvereine gilt, was die Forschung auch für formeller organisierte Lebensbereiche herausgefunden hat: Sozialkontakte sind in der Regel für die meisten Menschen eine nützliche und wertvolle Ergänzung im Leben, sie können Stress abfangen. Menschen, die viele soziale Kontakte haben, leiden seltener an Angststörungen, Depressionen oder Herz-Kreislauf- Problemen als Personen, die sozial weniger gut integriert sind. Gut integrierte Menschen, wie beispielsweise die Jecken im Karnevalsverein, werden in belastenden Situationen von ihrem sozialen Netzwerk aufgefangen und unterstützt. Kurz: »Jeck sein« ist für Körper, Geist und Seele gut. 

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