Prof. (em.) Dr. Günter Blamberger & Prof.'in Uljana Wolf: Forschung wirkt für den Dialog mit der Literatur
Günter Blamberger ist Literaturwissenschaftler an der Universität zu Köln und Initiator der Poetica, des internationalen Festivals für Weltliteratur. Gemeinsam mit der Dichterin und Übersetzerin Uljana Wolf verbindet er künstlerische und wissenschaftliche Forschung mit öffentlichem Dialog – und macht Literatur als Form von Wissens- und Gesellschaftstransfer erlebbar.
1. Welchen Stellenwert hat Transfer in Ihrer bisherigen Karriere gespielt?
Literatur kann unterhalten, belehren, beunruhigen. Nicht nur ihre formale Machart zu analysieren, sondern auch die Faszination für das in literarischen Werken eingeschriebene Wissen und ihren besonderen Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn zu vermitteln, darum ging und geht es mir. Von der Reaktion von Studierenden, Lesern und Leserinnen, dem Publikum öffentlicher Veranstaltungen profitiert wiederum die eigene Forschung. Wissenstransfer ist nicht eingleisig zu verstehen, er beruht auf Gegenseitigkeit.
2. Von welcher Ihrer Transferaktivitäten möchten Sie berichten und was hat es damit auf sich?
Die Poetica ging aus einem Center for Advanced Studies hervor, das der Archäologe Dietrich Boschung und ich mit Mitteln des BMBF an der UzK 2009 gründeten. Ziel dieses Internationalen Kollegs namens Morphomata, griechisch für Gestaltwerdungen, war es, die Wirkmacht des in künstlerischen Artefakten gestalteten Wissens zu analysieren. Mit der Installierung des Weltliteraturfestivals Poetica im Kontext von Morphomata suchte das Kolleg den Dialog mit Dichterinnen und Dichtern in der Überzeugung, dass nicht nur die Wissenschaften, sondern auch die Künste Wissen nachhaltig generieren, und der Vergleich ästhetischer Ideen einen hervorragenden Zugang zum Verständnis fremder Kulturen und ihrer potenziell je unterschiedlichen Antworten auf zentrale Daseinsfragen ermöglicht.
Charakteristisch für die Poetica ist die intensive Verbindung von Literatur, Wissenschaft und Öffentlichkeit und die Vielfalt ihrer Veranstaltungsformate und -orte in Köln. Gemeinsam mit Kurator*innen wählen wir die Gäste und Themen jedes Festivals aus, beispielsweise „Beyond Identities“, gesetzt gegen den Wahn des Identitären, oder „The Art of Resistance“ zur Verteidigung der Kunst- und Meinungsfreiheit, und suchen dafür das Gespräch von Dichtung und Wissenschaft. Die Autor*innen lesen ihre Dichtung stets in der Originalsprache, Schauspieler*innen tragen die Übersetzung vor. Eine Buchpublikation, die zum Auftakt jeder Poetica vorliegt, versammelt Essays und ausgewählte Gedichte der Teilnehmenden.
In bisher zehn Festivals waren über 100 Autor*innen aus mehr als 40 Ländern zu Gast, darunter prominente Namen wie die Nobelpreisträgerinnen Herta Müller oder Swetlana Alexeijewitsch, die Friedenspreisträger Navid Kermani oder Serhij Zhadan, die Lyrikerin und Sängerin Patti Smith oder Büchner-Preisträger wie Jürgen Becker, Marcel Beyer und Durs Grünbein.
3. Welchen konkreten gesellschaftlichen Impact konnten Sie durch diese Aktivität bisher erreichen?
Die Poetica ist das einzige internationale Poesiefestival in NRW, mit einem überwältigenden Zuspruch bei Publikum und Presse. Mehrfach wurde das Festival für das Kölner Kultur-ereignis des Jahres nominiert, bis zu 1.000 Besucher*innen füllten oft die Auftakt-veranstaltung in der Aula der Universität. Es ist meines Wissens auch einmalig, nicht nur in Deutschland, dass eine Universität ein internationales Festival für Poesie gründet. Einmalig ist auch, dass sie dabei nach dem Ende der Regelförderzeit von Morphomata und der damit verbundenen Finanzierung durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, seit 2021 großzügig vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft und der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen unterstützt wird.
„Poesie ist die Suche nach Glanz. Poesie ist der Königsweg, der uns am weitesten führt“, so der polnische Dichter Adam Zagajewski, Gast der ersten Poetica 2015, ein Versprechen, das bisher jede Poetica eingelöst hat und auch in Zukunft einlösen wird. Das garantiert, nachdem ich das Festival zehn Jahre geleitet habe, meine Nachfolgerin als Rektoratsbeauftragte der Poetica, Uljana Wolf. Für ihre Werke als Dichterin, Übersetzerin, Essayistin ist sie vielfach ausgezeichnet worden. Die Universität zu Köln hat sie zur Honorarprofessorin für „Internationale Lyrik der Gegenwart und ihre Kuratierung und Vermittlung“ ernannt.
Kontakt
Prof. (em.) Dr. Günter Blamberger
Philosophische Fakultät
Institut für deutsche Sprache und Literatur I
E-Mail guenter.blamberger(at)uni-koeln(dot)de
Kurzvita
Günter Blamberger (1951*)
Gründungsdirektor der Poetica und deren Leiter bis 2025
1995-2021 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur,
2009-2021 Direktor des Internationalen Wissenschaftskollegs Morphomata der Universität zu Köln,
1996-2021 Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft,
seit 2015 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Seine vom S. Fischer-Verlag publizierte Kleist-Biografie wurde von der Jury des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Spitzentitel des Jahres 2011 im Bereich geisteswissenschaftlicher Sachbücher gewählt.
Die Universität zu Köln zeichnete ihn 2016 mit dem Universitätspreis für Forschung aus.
2019 erhielt er das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Publikationen (Auswahl):
Poetica 10: Poetic Thinking and Hospitality – Freiräume der Poesie. Hg. mit U. Wolf, M. Predeick (2025);
Von der Faszination ästhetischer Ideen und der Macht poetischen Denkens (2021)
Competing Perspectives. . Figures of Image Control. Hg. mit D. Boschung (2019)
Vom Umgang mit Fakten. Antworten aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften. Hg. mit A. Freimuth, P. Strohschneider (2018)
On Creativity. Hg. mit S. Kakar (2015)
Prof. Uljana Wolf
Philosophische Fakultät
Institut für deutsche Sprache und Literatur I
Email uwolf(at)uni-koeln(dot)de
Kurzvita
Uljana Wolf (1979*) ist eine deutsche Lyrikerin, Übersetzerin und Essayistin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Kulturwissenschaften in Berlin und Krakau. Ihr Erstlingswerk kochanie ich habe brot gekauft (2005) wurde 2006 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet. Seitdem sind u.a. die Gedichtbände falsche freunde (2009), meine schönste lengevitch (2013), muttertask (2023) sowie der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet Essayband Etymologischer Gossip (2021) erschienen. Ihre Gedichte wurden in über 15 Sprachen übersetzt. Neben ihrer eigenen schriftstellerischen Tätigkeit unterrichtet und übersetzt sie, vorwiegend aus dem Englischen und aus osteuropäischen Sprachen, zuletzt DMZ Kolonie von Don Mee Choi (Spector Books 2023) und Autobiographie des Todes von Kim Hyesoon, (gemeinsam mit Sool Park, S. Fischer Verlag 2025), ausgezeichnet mit dem Internationalen Literaturpreis des HKW. Im Wintersemester 2019 hatte sie die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin inne, 2024 die Thomas-Kling-Poetikdozentur in Bonn und im Wintersemester 2024/2025 die erste Monika-Schoeller-Dozentur für literarisches Übersetzen in Frankfurt. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Akademie der Künste, Berlin.