Prof. Dr. Uwe Ruschewitz: Forschung wirkt durch praxisnahe Wissenschaftserfahrung
Prof. Dr. Uwe Ruschewitz ist Professor für Anorganische Chemie an der Universität zu Köln. Seit mehr als 20 Jahren engagiert er sich dafür, Schüler*innen einen direkten Zugang zur Wissenschaft zu ermöglichen. Unter seiner Federführung ist ein Netzwerk von Lehr-Lernlaboren entstanden, das jährlich mehr als 1.400 jungen Menschen Einblicke in die Universität, ihre Forschung sowie naturwissenschaftliche Studien- und Berufsfelder bietet.
1. Welchen Stellenwert hat Transfer in Ihrer bisherigen Karriere gespielt?
Unter Transfer hatte ich zunächst vor allem Patente, Kooperationen mit der Industrie oder Firmenausgründungen verstanden. Tatsächlich habe ich zwei Patente erfolgreich eingereicht sowie in mehreren Kooperationen mit industriellen Partnern zusammengearbeitet. Dass meine Herzensangelegenheit, der Aufbau eines Schüler*innen-Labors, ebenso eine wichtige Transfer-Aktivität ist, wurde mir erst in den letzten Jahren richtig bewusst. Die Verleihung des Universitätspreises in der Kategorie Transfer im Jahr 2026 war deshalb eine tolle Bestätigung für unsere Arbeit, an der neben mir viele Menschen beteiligt sind und waren.
2. Von welcher Ihrer Transferaktivitäten möchten Sie berichten und was hat es damit auf sich?
Ausgangspunkt war die Überlegung, Schüler*innen für ein Studium der MINT-Fächer zu begeistern (MINT: Mathematik – Informatik – Naturwissenschaft – Technik). Denn wir benötigen dringend Fachkräfte für die technologische und wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. Als Chemiker lagen mir zunächst mögliche Chemie-Studierende besonders am Herzen. Vor mehr als 20 Jahren haben wir deshalb begonnen, mehrtägige Ferienprogramme anzubieten, bei denen interessierte Schüler*innen selbst in den Laboren der Universität experimentieren konnten.
Mit der Zeit wurde klar, dass eine Erweiterung und Verstetigung dieses eher „ehrenamtlichen“ Engagements so nicht möglich war. Ein wichtiger Meilenstein war deshalb die erfolgreiche Einwerbung von Mitteln im Rahmen der zdi-Initiative des Landes NRW im Jahr 2010. Dadurch konnten wir einen Koordinator einstellen und die Angebote gemeinsam mit den anderen MINT-Fächern unserer Fakultät und den zugehörigen Didaktiken umfänglich professionalisieren.
Inzwischen ist daraus ein Netzwerk verschiedener Lehr-Lernlabore der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät entstanden. Neben den Experimentierferien können inzwischen ganze Mittel- und Oberstufenkurse regelmäßig in den Laboren der Chemie arbeiten. Auch für Klassen der Unterstufe gibt es Projekttage zu unterschiedlichen Themen. Hinzu kommen unter anderem die Schnupperunis in Chemie und Physik zur gezielten Förderung von Mädchen in diesen MINT-Fächern.
In den vergangenen Jahren habe ich zunehmend die Rolle eines „Spiritus Rector“ übernommen: Es geht vor allem darum, die unterschiedlichen Beteiligten zusammenzubringen, neue Initiativen und Kooperationen anzustoßen und die Weiterentwicklung des Angebots zu sichern. Dennoch ist mir immer der direkte Kontakt zu den Schüler*innen wichtig. Denn nur im Austausch mit der Zielgruppe lässt sich beurteilen, welche Angebote tatsächlich ankommen.
3. Wie sind Sie auf Ihre Themen gekommen?
Tatsächlich hatte ich schon während meiner Habilitation an der RWTH Aachen erste Ferienprogramme für Schüler*innen organisiert. Mir war damals klar, dass dies ein wichtiges Werkzeug ist, um zukünftige Studierende für das Fach zu begeistern.
Das Arbeiten in den Laboren der Universität und der direkte Kontakt mit Forschenden, etwa den betreuenden Studierenden und Doktorand*innen, haben nach meiner Einschätzung einen großen Einfluss auf die spätere Berufswahl. Zudem hat sich gezeigt, dass eine geschickte Wahl der Themen, an denen die Schüler*innen bei uns arbeiten, dazu beiträgt, dass diese jungen Menschen ein positives Bild von Wissenschaft und insbesondere der Chemie mitnehmen.
Für mich ist es wichtig, dass die Universität nahbar wird: Schüler*innen können selbst in den Uni-Laboren experimentieren, dabei dort Forschende kennenlernen und erleben, wie Wissenschaft funktioniert. Dies ist für mich Transfer im besten Sinne!
4. Welchen konkreten gesellschaftlichen Impact konnten Sie durch diese Aktivität bisher erreichen?
Man kann sicher nur schwer messen, welchen Einfluss unsere Schüler*innen-Labore auf das Bild der Chemie in der Gesellschaft haben. Ganz konkret sehen wir aber, dass die Anfängerzahlen für ein Chemie-Studium an der Universität zu Köln in den letzten Jahren mehr oder weniger konstant geblieben sind, während sie an vielen Universitäten in direkter Nachbarschaft deutlich zurückgehen.
Vor einigen Jahren haben wir, wie gesagt, begonnen, neben den Ferienprogrammen Labortage für ganze Schulklassen anzubieten. Inzwischen besuchen uns fast jede Woche Schulklassen. Dabei sprechen wir bewusst Schüler*innen ab der Unterstufe aller Schulformen an. Sie erhalten so frühzeitig einen praktischen Einblick in die Wissenschaft und können Schwellenängste vor Studium und Universität abbauen. Von Lehrerinnen und Lehrern hören wir immer wieder, dass ihre Schüler*innen anschließend über eine Ausbildung oder ein Studium in einem chemienahen Bereich nachdenken.
Zusammen mit den Angeboten der anderen Lehr-Lernlabore erreichen wir jährlich mehr als 1.400 Schüler*innen.
Kontakt
Prof. Dr. Uwe Ruschewitz
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät
Department für Chemie und Biochemie, Institut für Anorganische und Materialchemie
E-Mail: uwe.ruschewitz(at)uni-koeln(dot)de
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