Prof. Dr. Jens Boenisch: Forschung wirkt für Unterstützte Kommunikation
Jens Boenisch ist Professor für Pädagogik für Menschen mit körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen an der Universität zu Köln. Als Direktor des Forschungs- und Beratungszentrums für Unterstützte Kommunikation (FBZ-UK) verbindet er Grundlagenforschung mit konkreter Anwendung und entwickelt evidenzbasierte Sprachförderkonzepte für nichtsprechende Kinder. 2010 gründete er die FBZ gGmbH als universitäre Ausgründung, um wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in Versorgung und Bildung wirksam werden zu lassen. Mit Innovationen wie der Kommunikationshilfe MyCore und dem inklusiven Leselernkonzept LINK schafft er nachhaltige Transferstrukturen zwischen Universität, Versorgungssystem und Bildungseinrichtungen – mit messbarem gesellschaftlichem Impact.
1. Welchen Stellenwert hat Transfer in Ihrer bisherigen Karriere gespielt?
Zentrale Einheit des FBZ-UK ist die Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation, in der Menschen ohne verständliche Lautsprache diagnostiziert und deren Angehörige sowie pädagogisch-therapeutisch Professionelle zu Therapie und Hilfsmitteln beraten werden. In dieser UK-Beratungsstelle können neue Konzepte sowohl im Rahmen von Forschungsprojekten als auch durch die wöchentlichen Therapiesitzungen entwickelt und praxisnah erprobt werden.
Durch den Transfer in die Praxis und das direkte Feedback aus der Praxis haben wir unsere Therapie- und Förderkonzepte und unsere Sprachfördermaterialien kontinuierlich weiterentwickelt. Unsere praxisrelevanten Ergebnisse und didaktischen Umsetzungen haben das FBZ-UK sehr schnell zum bundesweit führenden Forschungszentrum in der Unterstützten Kommunikation gemacht. Die Konzepte und entwickelten Sprachfördermaterialien werden heute bundesweit und länderübergreifend eingesetzt, der neue Forschungsansatz international rezipiert. Kooperationsverträge der Krankenkassen mit der FBZ gGmbH ermöglichen den Aufbau einer wissenschaftlich fundierten und innovativen Versorgungsstruktur im transdisziplinären Handlungsfeld der Unterstützten Kommunikation für den Großraum Köln-Aachen-Düsseldorf-Bergisches Land, die als Pilot für eine neue bundesweite Versorgungsstruktur dient.
2. Von welcher Ihrer Transferaktivitäten möchten Sie berichten und was hat es damit auf sich?
Zusammen mit einem kleinen Unternehmen aus Duisburg wurde im Rahmen des ZIM Förderprogramms des Bundeswirtschaftsministeriums in den Jahren 2011 bis 2013 die elektronische Kommunikationshilfe MyCore für nichtsprechende Kinder mit körperlichen und/oder kognitiven Einschränkungen entwickelt. Das Vokabular und die linguistische Grundstruktur von MyCore basieren auf den Kölner Forschungen. MyCore ist heute ein bundesweit anerkanntes Hilfsmittel in der Unterstützten Kommunikation, dessen Erfolg mit dazu beigetragen hat, dass aus einem kleinen Unternehmen heute einer der großen Player in der bundesweiten Hilfsmittelversorgung geworden ist. Die Universität zu Köln erhält seit 2013 Lizenzeinnahmen aus dem Verkauf der symbolbasierten Kommunikationshilfe MyCore.
3. Wie sind Sie auf das Projekt gekommen?
Ausgehend von linguistischen Wortschatzstudien mit Kindern mit und ohne Behinderung konnten im FBZ-UK völlig neue Sprachförderkonzepte entwickelt werden. Der bahnbrechende Erfolg der neuen Förderstrategie, die damals nur mit nichtelektronischen Hilfen wie Kommunikationstafeln oder Kommunikationsordnern erprobt wurden, drängte zu der Frage, wie man die Erkenntnisse auch auf elektronischen Hilfen mit deutlich größerem Wortschatz aber kleineren Oberflächen übertragen kann. Nach einem gescheiterten Patentanmeldeverfahren wurde das ZIM Projekt in Kooperation mit einer deutschen Hilfsmittelfirma und einer belgischen Hard-/Softwarefirma durchgeführt.
4. Welchen konkreten gesellschaftlichen Impact konnten Sie durch diese Aktivität bisher erreichen?
Neben den individuellen Versorgungen mit dem elektronischen Hilfsmittel MyCore konnten inzwischen viele tausend Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer körperlichen und/oder kognitiven Behinderung nicht sprechen können, mit den Kölner Kommunikationshilfen versorgt werden. Zudem wurden bundesweit viele Klassenräume und Therapiepraxen mit didaktischen Materialien ausgestattet, die auf Erkenntnissen der FBZ-UK Forschung beruhen und von der FBZ gGmbH zum Endprodukt weiterentwickelt worden sind.
In den Jahren 2020 bis 2025 wurden Zentrale Unterbringungseinrichtungen (ZUE) in NRW für geflüchtete Familien mit den Kölner Sprachfördermaterialien ausgestattet und deren Lehrkräfte in unserem Sprachförderkonzept geschult. Zudem buchen Kindergärten und (Grund-) Schulen zunehmend mehr Fortbildungen zu unserem Sprachförderkonzept. Es hat sich herausgestellt, dass es nicht nur für Kinder mit Behinderungen und Bedarf an Unterstützter Kommunikation hilfreich ist, sondern auch bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache das Deutschlernen beschleunigt.
Die Ergebnisse der Kölner Wortschatzstudien sind auch in das BMBF-geförderte Forschungsprojekt eingeflossen: LINK (Literacy, Inklusion, Kommunikation) ist ein innovatives und inklusives Konzept zum frühen Schriftspracherwerb von Kindern mit und ohne Behinderungen. Die neuen Erkenntnisse und Materialien zum frühen Schriftspracherwerb fließen nicht nur in die Förderprogramme für Unterstützte Kommunikation und Deutsch als Zweitsprache ein, sondern inzwischen auch in die allgemeine Literacy-Förderung für Kindergarten und Grundschule.
Kontakt
Prof. Dr. Jens Boenisch
Humanwissenschaftlichen Fakultät
Department Heilpädagogik und Rehabilitation
Telefon: 0221/470 89935
E-Mail: jens.boenisch(at)uni-koeln(dot)de
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