Judith Butler an der Uni Köln
Albertus-Magnus-Professorin sprach zum Thema "Ethik und Politik der Gewaltlosigkeit"
„Für mich war es sehr interessant, Butler heute als Person und Rednerin erleben zu können. Ihre Texte fand ich bisher immer sehr spannend und klug, aber die Person hinter den Theorien, habe ich nicht aktiv wahrgenommen. Schön, dass ich heute die Gelegenheit dazu hatte.“Marie, Studentin, Uni Köln (Philosophie und Geschichte)
„Meine Erwartungen wurden absolut erfüllt. Ihre Subjekt- und Selbsttheorie aus ‚Bodies That Matter‘ hat Butler heute quasi durch das Thema Betrauerbarkeit weiter exemplifiziert. Denn auch hier geht es ja letztlich um die Frage, welche Körper von Gewicht sind. Gut gefallen hat mir auch Butlers souveräne Art, mit den verschiedenen Diskussionspunkten des Publikums umzugehen. Man könnte vielleicht noch ergänzend fragen, wie die Betrauerbarkeit von Tieren zu bewerten wäre. Das wäre vor allem für die Animal Studies eine interessante Fragestellung, die sich vielleicht im Rahmen einer ihrer Workshops an der Uni Köln in den nächsten Tagen noch klären wird.“Johanna Tönsing, Wissenschafltiche Mitarbeitern, Universität Paderborn (Literaturwissenschaft)
„Ich kannte Judith Butler vor der heutigen Veranstaltung noch gar nicht. Nun überlege ich, zu ihrer zweiten Vorlesung am Mittwoch wiederzukommen. Butlers immenses, profundes Wissen, mit dem sie ihr Gedankengebäude errichtet, hat mich sehr beeindruckt. Ein bisschen gefehlt hat mir allerdings eine weitere Ausdifferenzierung des Begriffs ‚Gewalt‘.“Alfred, Gasthörer, Uni Köln
„Die Frau beeindruckt mich einfach immer wieder sehr.“Sabrina, Studentin, Uni Köln (Philosophie und Erziehungswissenschaften)
O-Töne zur ersten Vorlesung
Die zweite Vorlesung von Judith Butler am 22.06.2016
Albertus-Magnus Professorin sprach zum Thema „Verletzlichkeit und Widerstand neu denken“
von Isabelle Mittermeier und Eva Schissler
Auch am Mittwochabend war die Aula wieder bis auf den letzten Platz gefüllt. Butler beschrieb in ihrer zweiten Vorlesung unterschiedliche Arten von Verletzlichkeit. Alle Menschen sind in dem Sinne verletzlich, dass sie durch Unfälle, Schicksalsschläge oder Angriffe jederzeit getötet oder verletzt werden können. Privilegierte Gruppen sind dem Risiko gegenüber verletzlich, ihre Privilegien zu verlieren. Eine wichtige Form sei jedoch die strukturelle Verletzlichkeit, die sich in sozialer Ausgrenzung, dem Fehlen grundlegender Infrastruktur und prekären Lebensformen äußert.
„Ich finde es spannend eine Person, von der man einen akademischen Text liest, live zu sehen und diesen Dialog mit ihr haben zu können.“ (Ann-Sophie Vornholz, Studentin, Englisch und Italienisch)
Verletzlichkeit, aus der Widerstand erwachsen könne, sei oftmals ein Kampf für eben die Infrastruktur, die marginalisierten und prekarisierten Menschen fehlt. Man kann nur auf die Straße gehen, um für ein lebenswertes Leben einzutreten, wenn es auch tatsächlich eine Straße gibt, die man betreten kann. Bewegung braucht Bewegungsfläche – im körperlichen wie geistigen Sinne. Eben diese Straße, ein betret- oder bewohnbarer Boden, muss in vielen Fällen erst erschaffen werden.
Dass beide Konnotationen von Straße untrennbar miteinander verbunden sind, erkannte auch Hannah Arendt, auf die sich Butler an dieser Stelle bezieht. Dabei hat Butler einen weiten Begriff von Infrastruktur, der auch Zugang zum Gesundheitssystem, zu Bildung und zu Medien umfasst. „Der Mensch braucht eine grundlegende Infrastruktur, die ihn stützt, um nicht wortwörtlich zu fallen“, so die Philosophin.
Verletzlichkeit solle dabei nicht als eine passive Opferrolle verstanden werden, aus der kein selbstbestimmtes Handeln erwachsen werden – eine Lesart des traditionellen Feminismus. Menschen müssten vielmehr ihre eigene Verletzlichkeit akzeptieren und als Ressource nutzen. Eine Affirmation unserer Verletzlichkeit lässt uns zudem unsere Verbindung zu anderen Menschen erkennen, mit denen wir diese Verletzlichkeit teilen.
„Ich schätze Frau Butler sehr, für das, was sie geleistet hat und leistet, im Zusammenhang mit der kompletten Sphäre politischer Entscheidungen.“ (Aldo Wünsch, Student, Philosophie und Musikwissenschaft)
Sowohl im Anschluss an die Vorlesung als auch im Graduiertenseminar wurde Butler gefragt, wie denn die beiden Konzepte der Betrauerbarkeit (grievability) und Verletzlichkeit (vulnerability) zusammenhängen. Darauf hatte die Albertus-Magnus-Professorin noch keine klare Antwort. „Butler muss erst mal darüber nachdenken, wie sie das sieht“, scherzte sie.
Andreas Speer danke Judith Butler am Ende ihrer zweiten Vorlesung für die anregende Atmosphäre, die sie in dieser außergewöhnlichen Woche geschaffen hat. Er dankte auch dem enthusiastischen Publikum, das mit seinen Fragen und lebhaften Diskussionsbeiträgen zum Erfolg der Veranstaltungen beitrug: „Das ist die Art von Uni, die ich mir wünsche. Nicht das Eintragen von Wissen in irgendwelche Kästchen und dessen Bestätigung durch den Erhalt eines Diploms.“
Frage aus dem Publikum: „Ist es eine Form von Widerstand, wenn Frauen mit ihrer speziellen Verletzlichkeit alleine auf die Straße gehen?“ Judith Butler: „In Köln schon.“
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